Österreichische Besuchskarten

Verhältnismäßig spät scheint sich die Wiener Künstlerschaft der Besuchskarte zugewandt zu haben. Hier, wo gegen den Ausgang des 18. Jahrhunderts die industrielle Wunschkarte eine hohe Blüte erreichte, haben verschiedene ihrer Verleger, wie J. Eder, J. Riedl u. a., auch ausgezeichnete Folgen figürlicher Kartenblanketts herausgebracht, in denen der Klassizismus in liebenswürdigster Form erscheint, Blätter voll zarter Tändeleien, voll Amoretten und Grazien, voll Rosengirlanden und Täubchen, ein bißchen süß, ein bisschen oberflächlich, aber immer voll holder Anmut. Sonst kaum gekannte Künstler, wie V. R.Grüner, haben sich wenigstens hier ein bescheidenes Denk- mal gesetzt, andere nicht minder tüchtige verbergen sich hinter einem Monogramm oder bleiben ganz anonym. Auch ein paar patriotische Karten finden sich, vor allem ein merkwürdiges Blatt von Selmar Mansfeld, auf dem Mars den schlummernden Genius des Deutschtums aufrüttelt: Erwach! O deutscher Geist aus Deinem Schlafe! Sonst fühlst Du länger noch du des Schlummerns Strafe! Vaterländische Beeinflussung durch Abgabe einer Besuchskarte - gewiß ein eigenartiges Mittel! Aber wurden nicht auch bei uns seit dem Völkerringen die prächtigen Klingsporkarten zu gleichem Zwecke verwandt? Nicht besonders glänzend hat sich anscheinend die Entwicklung der persönlichen Besuchskarte gestaltet. Das beste mir bekannt gewordene Blatt ist ein feiner Stich von Clemens Kohl nach einem Entwurfe J. Vincenz Kieningers für den kaiserlichen Hofbankier Baron Braun (Abb. 292). Hier deutet ein Merkur auf den kaufmännischen Beruf, Musen der Tragödie und Komödie auf die theatralischen Neigungen des Besitzers, während eine Krone auf seinen vermutlich noch recht neuen Adelstitel weist. Es gibt auch Abdrücke, bei denen die Aufschrift nur "Le Baron de Braun" lautet und der dadurch gewonnene freie Raum offenbar zu Einladungen und ähnlichen Mitteilungen bestimmt ist. Ein anderes Blatt Kohls für den Grafen Clam-Gallas mit einer Ansicht von Liebwerda wurde bereits erwähnt.

Besuchskarte des Kupferstechers J. A. Klein, Kupferstich von ihm selbst (Sammlung von Zur Westen)

Sodann haben verschiedene Wiener Künstler für den eigenen Gebrauch Besuchskarten geschaffen, so vor allem Josef Fischer (1769-1822), "graveur en cuivre", von dem mir drei Blätter bekannt geworden sind, eins mit drei die bildenden Künste versinnbildlichenden Putten, eins mit einem Dreifuß vor einem Götterbilde, von dem man nur den Sockel und den untersten Teil sieht, der auf eine Athenestatue schließen läßt, und eins mit einem antiken Altar (Abb. Österreichische Exlibrisgesellschaft, VII. Jahrh., S. 17; Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins, Jahrg. 1907/08, S.68, Abb. 61/62). Ferner besaßen Johann Nepomuk Höfel (geb. 1786), des berühmteren Blasius Höfel Bruder, Johann Schindler (1777-1836) und Karl Heinrich Rahl ( 1779-1842), der Vater du berühmten Geschichts- und Bildnismalerei (Abb. 290), selbstgefertigte Besuchskarten. In Wien sind auch die beiden reizenden Adreßkarten Johann Adam Kleins entstanden, die freilich schon mehr Geschäftskarten sind, das Pferd mit der Staffelei (Jahn 153, Abb. 293) und der Spitz bei der Staffelei (Jahn 179, Abb.295). Dem Lieblingsgebiete Kleins, auf dem er die meisten Lorbeeren gepflückt hat, der Darstellung unserer Haustiere, sind auch die Vorwürfe dieser prächtigen Radierungen entnommen. Der Prager Akademiedirektor Josef Bergler, den wir als Schöpfer zahlreicher trefflicher Neujahrskarten kennengelernt haben (vgl. S. 74 ff.), hat auch eine Reihe von Besuchskarten radiert, hübsche, gefällige Blättchen, bei deren Erfindung er sich freilich den Kopf nicht viel zerbrochen hat, und welche die künstlerische Höhe seiner Glückwünsche nur teilweise erreichen. Vier hatte er für sich selbst bestimmt; - die beiden hier abgebildeten (Abb. 296 und 297) bedürfen keiner Beschreibung, von den beiden andern stellt die eine einen geflügelten Putto mit einer Palette, die andere einen ein Blatt Papier haltenden Knaben dar. Auf einer weiteren Karte schreibt ein Mann den Namen "Sternberg" auf eine Tafel (Abb. 294), und auf der für Hilaria Bergler sehen wir den Kopf eines niedlichen Mädchens. Der freie Strich, die große Auffassung und die Freiheit von aller Süßlichkeit und Gefühlsseligkeit der Zeit fallen auch hier vorteilhaft auf.

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Abb. 294 Besuchskarte Sternberg, Kupferstich von J. Bergler (Sammlung von Zur Westen) Abb. 295 Besuchskarte von J. A. Klein, Kupferstich von ihm selbst (Sammlung von Zur Westen)