Berliner Besuchskarten

Nicht viel später wie in Schwaben und Bayern fand die von Künstlerhand geschmückte Besuchskarte in Ber1in Eingang und rief hier eine Reihe vortrefflicher Arbeiten, freilich von ganz anderem Charakter, hervor. Die Augsburger und Münchner Stecher fühlten sich auch bei der Ausschmückung von Besuchskarten als Illustratoren; sie gaben Bilder, erzählten Geschichten oder suchten Stimmung zu erwecken. Ganz anders die Berliner. Sie begnügten sich fast durchweg mit ornamentalem Schmuck, meist einer einfachen Umrahmung, waren knapp und sachlich. Auch hier tritt die Verschiedenheit von Nord und Süd deutlich hervor. Unter den bekannten Griffelkünstlern der preußischen Hauptstadt war der gesuchteste Kartenstecher Daniel Berger (1744-1824). Sicherlich war seine Beliebtheit keine unverdiente. Wenn er auch nicht die heitere Grazie, die leichte Erfindungsgabe J. W. Meils besaß, so verfügte er doch neben großer technischer Fertigkeit über einen sicheren Geschmack und ein feines Gefühl für schlichte, vornehme Wirkung. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der Besuchskarten jener Zeit würden die meisten seiner Karten auch heute noch verwendbar sein, ohne bei den Empfängern allzu großes Erstaunen zu erregen. Das liegt daran, daß Berger sich fast immer mit einer bescheidenen ornamentalen Einfassung als einzigem Schmuck begnügte. Seine schlichte, phrasenlose, vielleicht sogar etwas nüchterne Art kam offenbar einer In der Berliner Gesellschaft sehr verbreiteten Geschmacksrichtung entgegen. Seine Auftraggeber gehörten den verschiedensten Kreisen an; Diplomaten und Offiziere, Hofchargen und hohe Staatsbeamte, Bankiers, Kaufleute und Weinhändler finden wir unter ihnen. Seine ersten Karten entstanden 1772; sie waren für den Major und Adjutanten (späteren General) von Schwerin und für den Kammerherrn von Wreech (späteren Grafen von Wreech) bestimmt. Das erstere, bei Rost (Anzeige sämtlicher Werke von Herrn Daniel Berger. Leipzig 1792) unter Nr. 132 verzeichnete Blatt zeigt in einem verzierten Rechteck einen ovalen Lorbeerkranz, der die Aufschrift: "LeMajor de Schwerin aide de Camp" umgibt.

Besuchskarte des Grafen zu Dohna, Kupferstich von J. W. Meil (Sammlung von Zur Westen)

Noch schlichter ist die verzierte Umrahmung der Schrifttafel, die die Worte: "Mr. de Wreech" trägt (Rost Nr. 140). Berger verwendet hier wie fast immer, eine Schreibschrift, wie sie noch heute bei Besuchskarten überwiegend im Gebrauch ist. Der nahe liegende Grund ist einmal der, daß diese Blätter an die Stelle handschriftlicher Karten getreten waren und sie ersetzen sollten, und sodann wohl auch der, daß sie gleichzeitig mit den viel zahlreicheren Blankokarten im Gebrauch waren, bei denen der Name, wie wir gesehen haben, meist nicht eingedruckt, sondern vom Benutzer eingeschrieben wurde. Erst aus den achtziger Jahren (1781 bzw. 1783) stammen die beiden Karten für den dänischen Gesandten von Juel (Abb. 269/270). Die eine (Rost Nr. 515) ist im Rokokogeschmack ausgeführt; eine Vase bekrönt, eine reiche Blumengirlande umgibt an drei Seiten die Aufschrift: >L'Envoyé de Dannemarc< (Abb. 270). Diese Karte wird der Gesandte bei rein offiziellen Gelegenheiten benutzt haben; für freundschaftliche Besuche mag sie ihm zu pompös gewesen sein, und so ließ er sich von Berger noch eine zweite Karte fertigen, die als ein wahres Musterbeispiel diskreter Vornehmheit bezeichnet werden darf (Rost Nr. 595). Die Ornamentik ist hier wesentlich schlichter; statt des Titels ist der Name des Besitzers angegeben (Abb. 269). Auch für den Legationsrat von Zablocki, "Kgl. Polnischen akkreditierten Residenten", wie ihn der Adreßkalender nennt, hat der Künstler eine hübsche Karte mit der Aufschrift: >Zablocki Conseiller de Legation de Sa Maj. le Roi de Pologne< gestochen (Abb. 268). Wenn wir uns jetzt von den fremden Diplomaten zu den eigentlichen Berlinern wenden, so möchte ich zunächst ein Blatt erwähnen, das aus einer Heiratsanzeige zu einer Besuchskarte umgewandelt worden ist. Der Weinhändler Alberthal, dessen Lokal nach Nicolai in der Breiten Straße lag, hatte 1776 den hübschen, hier abgebildeten Stich mit den Amoretten und der Rosengirlande (Rost Nr. 265) anfertigen lassen: >pour annoncer son mariage avec Mademoiselle Müller<; später ließ er diesen Zusatz beseitigen und seinen Namen in die Mitte rücken (Abb. 272). Ähnlich verfuhr J. J. Brüstlein (Rost Nr. 643), dessen Besuchskarte gleichfalls aus seiner später zu erwähnenden Vermählungsanzeige durch Ausschleifung des Textes entstanden ist. Brüstlein war Buchhalter in dem Bank- und Handelshause von Splittgerbers seel. Erben in der Gertraudtenstraße 16/17, gegenüber der Petrikirche, dem ältesten Berliner Bankgeschäft, das 1712 von David Splittgerber und Gottfried Adolf Daum begründet worden war. Splittgerbers Schwiegersöhne, die zu den Inhabern der seit 1775 "Splittgerbers seel. Erben" genannten Firma gehörten, waren Friedrich Heinrich Berendes und Jakob Schickler. Beide waren Besitzer Bergerscher Besuchskarten, und zwar ist die des ersteren (Rost Nr. 519) 1781, die des letzteren (Rost Nr. 622) 1784 entstanden. Bei beiden Blättern umgeben außerordentlich schlichte Umrahmungen die Namen. Das Bankgeschäft ging übrigens 1796 In den Alleinbesitz von David und Johann Ernst Schickler über, führt seitdem den Namen "Gebr. Schicklerl" und blüht unter der Firma Delbrück, Schickler & Co. noch jetzt im alten Hause. Zu den Finanzgrößen des friderizianischen Berlin gehörte auch ein andrer Besitzer einer Bergerschen Besuchskarte (Abb. 273), der Kriegsrat Gravius, der später unter dem Namen "Edler von Graeve" geadelt wurde. Die 1783 gestochenen Karten für ihn und seine Gattin sind von mustergültiger Einfachheit (Rost 571/572). Der Karte der Frau Kriegsrat Gravlus ähnelt die zwei Jahre vorher gefertigte des Kaufmanns Johann Christoph Lange (Rost 501) außerordentlich. Die Beamtenschaft ist unter Bergers Auftraggebern dreifach vertreten. Der Geheime Finanzrat Geisler erwarb eine von dem Künstler 1789 zu unbestimmter Verwendung gestochene Einfassung (Rost Nr. 733) und ließ seinen Namen eindrucken. Anspruchsvoller war der Kriegsrat und Oberbaudirektor in der Kurmark Karl Samuel Schmidt. Auf seiner aus dem Jahre 1773 stammenden Karte halten zwei Genien eine aufgewickelte Papierrolle mit der Aufschrift: "Le conseiller de guerre Schmidt"; im Hintergrunde sieht man einen Säulenstumpf und ein säulengetragenes Prachtgebäude (Rost Nr. 169). Auf der Karte eines andern hohen Baubeamten, dem 1788 gefertigten Blatte des Geh. Oberbaurats Schulz, erblickt man gleichfalls zwei Genien mit Attributen der Baukunst (Abb. 271). Diese Bergersche Arbeit wird von Rost (Nr. 729) "Bücherzeichen" genannt, wohl sicher mit Unrecht. Ganz aus der Art der übrigen Bergersehen Besuchskarten fällt die eines französischen Offiziers, des >Comte de Thieffries Beauvoir, capitaine au régiment de Cavallerie de Bourgogne", heraus, die ganz Bild ist (Rost Nr. 576). Wir sehen eine schöne südliche Landschaft, in der die Reste antiker Säulenhallen emporragen; Namen und Titel des offenbar mit seinen klassischen Neigungen kokettierenden Offiziers sind auf einem Felsen angebracht (Abb. 274). Vielleicht hat sich der Besteller des Blattes 1783 vorübergehend in der preußischen Hauptstadt auf gehalten und zu seinen Besuchen einer Karte bedurft.

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Abb. 278 Besuchskarte von F. W. Bolt, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen) Abb. 279 Besuchskarte des Stadtpräsidenten v. Eisenberg, Kupferstich von F. W. Bolt (Kupferstichkabinett Berlin) Abb. 280 Besuchskarte des Verlagsbuchhändlers Göschen, Kupferstich von F. W. Bolt (Kupferstichkabinett Berlin)

Viel weniger umfangreich war die Tätigkeit Johann Wilhelm Meils (1732 bis 1805) auf unserem Gebiete; es gibt von seiner Hand höchstens sechs Besuchskarten, wenn man die "Abschiedskarte" für Korff dazu rechnen will, die ich den Umzugsanzeigen zu zählen möchte. Der Inhaber der in Hopfers Verzeichnis sämtlicher Kupfer- und Vignetten-Abdrücke von J. W. Meil (Berlin 1809) unter Nr. 557 aufgeführten >Anmeldekarte für Splittgerber< (Abb. 277) stammte wohl sicherlich aus der bereits erwähnten Bankierfamilie, darauf deutet schon sein Vorname David, den er mit dem Begründer des Bankhauses gemein hatte. Der Gebieter unseres Splittgerber, Prinz Ferdinand von Preußen, ein Bruder Friedrichs des Großen, war Hochmeister des Johanniterordens; Splittgerber war sowohl in der Ordensamtskammer wie als Jägermeister in der Domänenverwaltung des Prinzen tätig. Wie seine 1775 gefertigte Karte besagt, war er Kanonikus des Domstiftes zu Kammin, später wurde er auch Kanonikus des St. Gangolphistiftes zu Magdeburg und erhielt den Adel. - 1793 stach Meil ferner die Besuchskarten des >conseiller de guerre et syndic< Buchholz und seiner Gattin (Hopfer 915/16). Wie der Titel Syndikus beweist, handelt es sich nicht um den bekannten Rentmeister Friedrichs des Großen. der in mancher Randverfügung des Königs: >Dafür hat Buchholt kein Geld< erscheint, sondern um den Berliner Bürgermeister und Direktor des Stadtgerichts Buchholz, der mit dem damaligen Allerweltstitel >Kriegsrat< begnadet worden war. Seine Gattin bezeichnet sich als >née Wegeli< , stammt also wohl aus der bekannten Industriellenfamilie, der Berlin u. a. seine erste Porzellanmanufaktur verdankt. Unmittelbar auf die "Anmeldekarte für Splittgerber" folgt bei Hopfer unter Nr. 558 eine "Vignette für den Grafen von Dohna" (Abb. 276). Ein mit Schild, Schwert und Helm bewehrter Knabe schreitet an einer Sterntafel vorüber, auf die er mit der rechten Hand zeigt. Bei einer zweiten, etwas abweichenden Fassung ist die Haltung des Knaben anders, auch steht in einer Vertiefung des Felsens eine Flasche. Daß die weite Fläche der Tafel zu handschriftlichen Eintragungen bestimmt war, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. Im Gegensatz zu Dr. R. Hirsch (Exlibris XV, S.17) bin ich der Überzeugung, daß dies Blatt nicht etwa zum Bucheignerzeichen, sondern mindestens in erster Linie zur Besuchskarte bestimmt gewesen ist. Von den Meilschen Exlibris weicht es erheblich ab; hätte es tatsächlich als Buchmarke gedient, so wäre das wahrscheinlich längst festgestellt worden. Neben der Verwendung zu Besuchszwecken sollte die >Vignette< vermutlich auch zu kurzen Mitteilungen benutzt werden; darum wird das Format verhältnismäßig groß gewählt und von der Einfügung des Besitzernamens Abstand genommen worden sein. Ferner mag man an die Verwendung als "Tischbelegungskarte" bei Festlichkeiten gedacht haben; wurden doch zu diesem Zwecke Besuchskartenblanketts auch sonst gelegentlich benutzt, wie ich bereits erwähnte. Übrigens spricht der von Hopfer gebrauchte Ausdruck "Vignette" keineswegs gegen die Bestimmung des Blattes zur Besuchskarte; denn man nannte Blankokarten auch "Visitenvignetten", wie aus verschiedenen Anzeigen der Vossischen Zeitung hervorgeht. Übrigens hätte Hopfer für ein Bucheignerzeichen schwerlich den Ausdruck Vignette gebraucht, sondern mindestens "Büchervignette" gesagt; ist er doch sonst in seinen Bezeichnungen recht bestimmt. So nennt er die hier abgebildete Arbeit Meils für von Schlabbrendorff >Anmeldekarte< (Nr. 519). Worin der Unterschied von einer sonstigen Besuchskarte liegt, weiß ich freilich nicht (Abb. 275).

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Abb. 281 Besuchskarte der Frau Schadow, Kupferstich von F. W. Bolt (Sammlung von Zur Westen) Abb. 282 Besuchskarte des Bildhauers G. Schadow, Kupferstich von ihm selbst (Sammlung von Zur Westen) Abb. 283 Besuchskarte des Bildhauers G. Schadow, Kupferstich von ihm selbst (Sammlung von Zur Westen)