Persönliche Besuchskarten aus Süddeutschland

Mit Italiens Reichtum in diesem Zweige der Gebrauchsgraphik kann sich Deutschland zweifellos nicht messen, und doch würde sich vermutlich ein überraschend günstiges Gesamtbild ergeben, wenn uns eine Verbindung von Sammelfleiß und Mäzenatentum ein ähnliches Werk bescheren würde, wie es Bertarelli-Prior ihrem Vaterlande geschenkt haben. Wieviel Hübsches Ist nicht allein durch die Besuchskartenausstellung des Stuttgarter Landesgewerbemuseums zum Vorschein gekommen, deren Inhalt ihr verdienstvoller Veranstalter G. E. Pazaurek in den Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins beschrieben und zum Teil abgebildet hat (Jahrgang 1907/8, Heft II)! Und doch waren an ihr nur einige wenige Sammlungen beteiligt, vor allem die Dr. Albert Figdors in Wien, so daß die Erzeugnisse der alten deutschen Kaiserstadt in der Ausstellung überwogen. Es scheint mir übrigens, als wenn die Bewegung nicht von dort, sondern vom Südwesten Deutschlands ihren Ausgang genommen hat, wo die alten Kupferstich-Großbetriebe in Augsburg und Nürnberg lagen, Hier sind eine Anzahl von Karten in ausgesprochenen Rokokoformen entstanden, die bis in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückreichen dürften; hier hat sich der graziöseste Meister des deutschen Rokokos, Johann Elias Nilsan (1721-1788), schon früh mit der Besuchskarte beschäftigt und für den Münchner Theatinerpater Don Ferdinand Sterzinger , den Trautmann als mutigen Vorkämpfer wider Hexenwahn und Hexenverfolgung rühmt, eine niedliche Karte geschaffen oder richtiger aus einer Titelvignette umgeschaffen, indem er einfach dem einen der die Schrifttafel flankierenden Putti ein geistliches Barett aufsetzte (Abb. Monatsschrift des historischen Vereins für Oberbayern, 7. Jahrg., S. 73). Aus Augsburg stammt auch das hübsche Rokokoblatt des Kapitäns im Grenadierregiment Graf Preysing Baron Franz von Bossi von Jacob Andreas Friedrich(Abb.255). Auf den militärischen Beruf des Besitzers weisen nicht nur Rüstung und Waffen, sondern auch ein hübscher Scherz hin. "Qui est la?" fragt wie ein Vorposten der Pförtner des Besuchten den Ankömmling, und die Karte antwortet mit dem Namen des Besuchers und der Versicherung: >Bon Amy<. Ein andrer Offizier, der Oberstleutnant und Kammerherr Graf Seyssel d&Aix, hat eine kriegerische Unternehmung, bei der er vermutlich Lorbeeren gepflückt hat, auf seiner Karte verewigen lassen (Abb. 257), während Graf Spreti, der Präsident des kurbayrischen geistlichen Rats und des Zensurkollegiums, von dem Münchner Stecher Johann Michael Söckler das Wesen seiner Stellung durch den Bund von Kirche und weltlicher Gewalt hat versinnbildlichen lassen. Die Wappen in den vier Ecken weisen auf die Zugehörigkeit des Grafen zur Münchner Akademie der Wissenschaften und verschiedenen Vereinen hin, und in der Mitte des oberen Randes erinnert ein Zettel mit der Aufschrift: >Quaterno 60 000< sogar daran, daß er das bayrische Lottospiel zu leiten hatte (Abb. 256).

Besuchskarte des Malers Freiherrn Christoph Haller von Hallerstein, Kupferstich von ihm selbst (Kupferstichkabinett Berlin)

In der Zopfzeit, zumal in den neunziger Jahren, entfaltete der Münchner Stecher Johann Michael Mettenleiter (1765 bis 1853) eine umfangreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der persönlichen Besuchskarte. Vier seiner Blätter sind hier wiedergegeben, acht weitere auf einer Beilage des mehrerwähnten Trautmannschen Aufsatzes über oberbayrische Visitenkarten nachgebildet. Die bewegliche Phantasie, die Vielseitigkeit und das hübsche Erzählertalent des Künstlers, der nicht selten an Chodowieki erinnert, kommen aufs schönste zur Geltung. Für Personen aus den verschiedensten Kreisen, Generale, Grafen und hohe Staatsbeamte, Hofdamen, Ärzte, Hofkriegsräte und gänzlich unbetitelte Zeitgenossen, hatte er zu arbeiten, und immer wusste er sich anzupassen, der Aufgabe die entsprechende Gestaltung zu geben. Graf Preysing, dem Kommandanten von Ingolstadt, und dem Major Grafen von Salern setzte er das bei Offizieren übliche Stilleben von Kanonen und sonstigen Waffen, Fahnen und Trommeln, die der Bayrische Löwe bewacht, auf ihre Karten, dem Geheimrat Grafen von Bettschart einen Genius, der den Namen des einflureichen Mannes ans Himmelszelt schreibt, und dem Baron von Castell eine Minerva, die neben einem Denkstein mit dem Namen des Karteninhabers Wache hält (Abb. 260). Der Hofdame Baronin Montigny ist unter Palmbäumen eine Schrifttafel errichtet, der eine Muse oder Sappho naht (Abb. 258), und der Hofkriegsrat Baumgärtner, der Leib- und Oberstabdschirurgus R. E. v. Winter und Frau von Schultes tun es nicht ohne Säulentrümmer oder antiken Opferaltar mit dem unvermeidlichen Genius als Zubehör. Ganz ins idyllische gewendet sind die Karten des Damenstiftskanzlers Schattenhofer, des Fr. Sal. Schilcher und eines gewissen Zeppert; Waldeinsamkeit empfängt uns, unter riesigen Felsen angelt ein junges Mädchen, weltvergessen spielt ein andres die Leier, ein drittes bekränzt eine Herme des Pan im Schatten eines gewaltigen Baumriesen. Nur in zwei Blättern greift Mettenleiter so frisch wie in seinen Kalenderillustrationen ins volle Menschenleben, auf einer früheren Karte des damals noch nicht geadelten Leib- und Oberstabschirurgen Winter mit der Darstellung eines Kinderpaares, das an Stelle des ermüdeten vaters hinter dem Pflug geht (Abb. 259), und auf der des Hofmedikus Öggel, wo der Arzt einer Kranken sorgsam den Puls fühlt (Abb. 261). Es ist das vielleicht die gelungenste Arbeit des sympathischen Künstlers auf seinem Gebiete, der jahrzehntelang als >bayrischer Chodowiecki< hochberühmt war und zahlreiche Bücher und Almanache mit seinen Kupfern füllte. Keinen Künstlernamen trägt die gleichzeitig zum Exlibris bestimmte Besuchskarte des bayrischen Grafen Preysing (Abb. 263).

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Abb. 266<br />Rahmenkarte, Kupferstich von Chr. Haller von Hallerstein (Kupferstichkabinett Berlin) Abb. 267<br />Besuchskarte Neumann, Kupferstich von Ch. Haller von Hallerstein (Kupferstichkabinett Berlin) Abb. 268<br />Besuchskarte des polnischen Gesandten in Berlin Zablocki, Kupferstich von Daniel Berger (Sammlung von Zur Westen)

Gleichfalls aus Süd- oder Südwestdeutschland dürften die Karten des Bürgermeisters von Hefner (Abb. 262) und des > Churfürstlichen Miniatur- und Öhlmalers< Weiß (Abb. 264) stammen. Von Nürnberger Künstlern hat sich besonders der bereits als Verfertiger mehrerer persönlicher Glückwunschkarten erwähnte Freiherr Christoph Haller von Hallerstein (1771-1839), in dessen Werk sich überhaupt zahlreiche gebrauchsgraphische Arbeiten finden, auf unserem Gebiete betätigt. Seine frühesten Besuchskarten stammen noch aus seiner Knabenzeit; schon 1785 entstand die erste (Andresen 4). Es folgten eine Reihe von Kartenblanketts, auf denen Klassizismus und Ritterromantik einen wunderlichen Bund eingehen, Turnierhelme und Lanzen neben antiken Säulentrümmern und Vasen liegen (Abb. 266, Andresen 18, 21, 23, 28, 31), vier >Visitenbilletts mit allerlei ritterlichen Waffen (Andresen 61), die beiden hübschen Karten für seinen Freund Neumann mit dessen Gartenhaus, von denen eine hier wieder gegeben ist (Abb. 267, Andresen 102/103). Für sich selbst hat er zwei Karten gefertigt ; eine zeigt zwei Genien mit einer Tafel (Andresen 113), die andre mit einem jungen Mädchen in der antikisierenden Tracht der Zeit kann ich hier in Abbildung vorführen (Abb. 265).

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Abb. 269<br />Besuchskarte des dänischen Gesandten in Berlin von Juel, Kupferstich von Daniel Berger (Sammlung von Zur Westen) Abb. 270<br />Besuchskarte des dänischen Gesandten in Berlin von Juel, Kupferstich von Daniel Berger (Sammlung von Zur Westen) Abb. 271<br />Besuchskarte des Geh. Oberbaurats Schulz, Kupferstich von Daniel Berger (Sammlung von Zur Westen) Abb. 272<br />Besuchskarte des Weinhändlers Alberthal, Kupferstich von Daniel Berger (Kupferstichkabinett Berlin) Abb. 273<br />Besuchskarte des Kriegsrats Gravius, Kupferstich von Daniel Berger (Kupferstichkabinett Berlin) Abb. 274<br />Besuchskarte des Grafen Thieffries-Beauvoir, Kupferstich von Daniel Berger (Sammlung von Zur Westen) Abb. 275<br />Besuchskarte von Schlabbrendorff, Kupferstich von J. W. Meil, Abdruck vor der Schrift (Kupferstichkabinett Berlin) Abb. 277<br />Besuchskarte des Jägermeisters Splittgerber, Kupferstich von J. W. Meil (Kupferstichkabinett Berlin)