Italienische, englische und spanische Besuchskarten

Am glänzendsten gestaltete sich die Entwicklung der Besuchskarte in Italien. Hier war die Gebrauchsgraphik stets eifrig gepflegt worden; Thesenblätter, Diplome, Adreßkarten, Notentitel u.a.m. waren in großer Zahl entstanden Die hervorragenden Stecher, die in der zweiten Hälfte 'des 18. Jahrhunderts nach einer Zeit des Niedergangs den alten Ruhm der italienischen Griffelkunst erneuerten, fanden also in dieser Beziehung eine Überlieferung vor, an die sie anknüpfen konnten. Neben ihnen trat eine große Schar von Talenten zweiten Ranges auf den Plan, die für Arbeiten der Gelegenheitsgraphik bewegliche Phantasie und eine tüchtige, meist an französischen Vorbildern geschulte Technik mitbrachten. Wir haben bereits gesehen, was grade in Italien auf dem Gebiete der Rahmenkarte nicht zum wenigsten im Interesse der Fremdenindustrie geleistet wurde, was es da an Karten mit Abbildungen von antiken Ruinen und Renaissancekirchen, von Reliefs und Statuen gab, wie pompejanische Wandmalereien und etruskische Vasen, Münzen und geschnittene Steine nachgebildet, rührsame und humoristische Genreszenen dargestellt wurden. Für jeden Geschmack, für jeden Geldbeutel war etwas zu haben, und neben Mittelmäßigem wurde auch vieles künstlerisch Einwandfreie, ja Vortreffliche geboten. Unter diesen Umständen ist es gewiß kein schlechtes Zeichen für die kulturelle Verfeinerung der höheren Schichten, daß trotzdem die vornehme Gesellschaft und zumal der Adel zu einem beträchtlichen Teile die Allerweltsware verschmähte und sich eigene Besuchskarten herstellen ließ. Was als Griffelkünstlerauf der Apenninenhalbinsel Bedeutung hatte, ist zum großen Teile vertreten. Ernste, feierlich getragene Töne schlagen einzelne von ihnen an; im allgemeinen ist aber der Gesamteindruck der italienischen Besuchskarte heiter und festlich. Ein ungeheures Heer fröhlicher Putten bevölkert sie und erfüllt sie mit Leben und Bewegung; zahlreiche schöne Frauen in klassischer Gewandung sorgen für Anmut und Würde.

Besuchskarte der Donna Maria Bongiovanni, Kupferstich von Domenico Cagnoni (Nach Bertarelli-Prior)

Der Begründer der römischen Stecherschule war Giovanni Volpato (1738 bis 1803), der Goethe in Angelika Kauffmanns Kreise nahetrat und später der Schwiegervater der schönen Mailänderin wurde. In Venedig bei Josef Wagner hatte er studiert; hier hatte er auch den Einfluß seines Mitschülers Francesco Bartolozzi erfahren, der später durch seine Arbeiten den Stil der englischen Besuchskarte bestimmte. Auf unserem Gebiete ist der berühmte Stecher Raffaels nicht eben bedeutsam hervorgetreten. Nach Giulio Romano stach er für die Marchesa Teresa Cavriani in Mantua eine auf Wolken thronende Minerva, und einem Principe setzte er gleichfalls eine Minerva, die hier den Wappenschild hält, auf seine Besuchskarte. Auch Raphael Morghen (1758-1833), ein Schwiegersohn Volpatos, vielleicht der gefeiertste Stecher seiner Zeit, hat einige Besuchskarten geschaffen, so eine mit Minerva und Neptun in felsiger Landschaft für den Cavaliere Gabriele Vincentini und eine für einen Minister des Königreichs beider Sizilien, den Marchese von San Gallo, auf der gleichfalls Neptun neben dem den Namen tragenden Denkstein lagert, während man im Hintergrunde den Vesuv erblickt. Die Blätter atmen einen kühlen, glatten, etwas nüchternen Klassizismus und machen die Bewunderung, die die Zeitgenossen Raphae1 Morghens Werken entgegenbrachten, dem Menschen der Gegenwart nicht begreiflicher wie seine großen Werke. Der bedeutendste Kartenstecher Roms war Pietro Fontana (1762-1837). Er war der Vertreter eines erhabenen Stiles auch in seinen kleinen Arbeiten. Feierlichkeit, ernste Größe erstrebte er, und es ist bezeichnend, daß gelegentlich der Einfluß archaischer Arbeiten deutlich hervortritt. Vielfach hat er, nach der Unterschrift, Vorlagen von Gianni, Tirovanni, Cades u. a. benutzt, aber entweder hat er ihre Entstehung beeinflußt, oder er hat sie sehr frei verwertet, denn alle Blätter seiner Hand tragen nicht nur inTechnik, sondern auch in Komposition und Formengebung deutlich das Gepräge seiner Persönlichkeit. Gern verwendet er Gruppen von zwei einander umschlungen haltenden Personen. Einmal ist es ein junges Paar, das seinen Namen in die Rinde eines Baumes ritzt (Laura Dotto de Dauli), in andern Fällen sind es allegorische Figuren, die durch ihre Attribute - einen Tempel, eine Wage, Fasces, ein Buch - als die Kirche, die Gerechtigkeit, die Staatsgewalt, die Literatur gekennzeichnet werden, so auf den Blättern für den Cavaliere Fé, einen späteren Ordensgeistlichen, und den venezianischen Diplomaten Giuseppe Nerini. Dem venezianischen Gesandten Pisani hat er die gewaltige Gestalt eines Merkur auf die Karte gesetzt (nach Gianni). Die schönste Karte dieser Art, wohl eine der schönsten, die es gibt, ist die für den Senator Grafen Lodovico Savioli, der zugleich Dichter und Geschichtsforscher war. Zwei Frauen in kunstvoll gefältelter antiker Gewandung sitzen in anmutiger Gruppe neben einer Säule; die eine hält Wage und Fasces und lauscht aufmerksam den begeisterten Worten der jugendlichen Genossin, offenbar der Vertreterin der schönen Literatur, hinter der am Horizont strahlend die Sonne emporsteigt. Die hier (Abb. 248) abgebildete schöne Karte desselben Besitzers mit Neptun und Minerva, deren Verfertiger sich leider nicht genannt hat, dürfte schwerlich von Fontana herrühren, dagegen wird ihm wohl mit Recht die für den berühmtesten Bildhauer seiner Zeit, Antonio Canova, zugeschrieben (Abb. 247). Er hat ihn ein wenig ins Heroische hinaufstilisiert, denn schwerlich wird jemand heute den gewaltigen Steinblock mit der monumentalen Schrift als das treffende Sinnbild für die etwas weichlich-elegante Art Canovas betrachten, aber das Blatt in seiner großartigen Einfachheit, seiner kraftvollen Wucht ist von ernster Schönheit. Übrigens verdankten auch Canovas berühmtestes Modell, Pauline Borghese, Napoleons I. Schwester, und ihr Mann Fontana ihre Besuchskarten.

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Abb. 251 Besuchskarte der Gräfin Arese, Kupferstich von Domenico Cagnoni (Nach Bartarelli-Prior) Abb. 252 Besuchskarte des Grafen Arese, Kupferstich von Domenico Cagnoni (Nach Bartarelli-Prior) Abb. 253 Besuchskarte des Mrs. Parker, Kupferstich von Francesco Bartolozzi nach G. B. Cipriani (Kunstgewerbemuseum Berlin)