Inhalt und Charakter des Schmuckes der Besuchskarten

Die Karte mit einer ornamentalen Umrahmung ist die hauptsächlichste und zweifellos auch die älteste Form der gestochenen Besuchskarte. Zunächst begegnen uns Barock- und Rokokoformen, dann ergreift der Stil Ludwigs XIV. von ihr Besitz. Vielfach umkränzenden Rahmen Blumengewinde, die Putten halten und zierliche Tauben umfliegen (Beilage zW. 1 88/89). Später begegnen uns naturalistische Blumenkränze an Stelle des ornamentalen Rahmens. In den neunziger Jahren sind Umrahmungen im Stile antiker Randverzierungen sehr beliebt, in derselben Zeit kommen auch die Reliefkarten mit Umrahmungen in Prägedruck auf - englisch gepreßt nannte man sie -, die sich lange, bis über die Freiheitskriege hinaus, halten und wohl die späteste Form der geschmückten Besuchskarte darstellen. Zunächst wird es die Regel gebildet haben, dass man sich von einem bestimmten Muster eine Anzahl von Abdrücken kaufte und mit seinem Namen versah. Später, anscheinend etwa seit den achtziger Jahren, strebte man eine möglichst große Mannigfaltigkeit an, wollte für jeden Besuch womöglich eine andere Karte haben. Die Verleger brachten daher Bogen in Folioformat mit 4, 6, 9 oder gar 15 Karten heraus, die der Käufer vor der Verwendung auseinanderschnitt. Vielfach bildeten mehrere Bogen eine zusammengehörige Reihe. Man begnügte sich nun keineswegs mehr mit Ornamenten und Blumen, sondern zog eigentlich das ganze Gebiet des Darstellbaren heran. Arkadische Schäferszenen im Stile Watteaus, Kinderbilder in der Art der gleichzeitigen englischen Stecher, Landschaften, Städteansichten, Denkmäler, Nachbildungen antiker Kameen und Reliefs, politische Allegorien, Darstellungen aus der griechischen Mythologie wie aus dem Leben der Gegenwart, Heiteres und Ernstes, Sentimentales und Satirisches - alles ist nun vertreten. Was die Gemüter gerade bewegt, was das Tagesinteresse in Anspruch nimmt in Literatur und Kunst, in Politik und Alltagsleben, findet einen Niederschlag in der Besuchskarte, die in dieser Hinsicht für die Zeit von 1780 bis 1810 ungefähr die gleiche Rolle wie heute die Bildpostkarte spielt.

Italienische Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen)

Am deutlichsten tritt diese Verwandtschaft aber bei den Karten mit Abbildungen von Sehenswürdigkeiten hervor, zumal mit Ansichten von italienischen Städten. Italien war ja für einen großen Teil Europas, nicht zum wenigsten auch für Deutschland, das beliebteste Reiseziel; eine Fahrt dahin erschien weiten Kreisen geradezu als der notwendige Abschluß der Ausbildung. Wenn Goethe aus Rom schrieb, nun sei er in der Hauptstadt der Welt angelangt, so sprach er damit die Empfindung zahlloser Zeitgenossen aus. In Italien entwickelte sich infolgedessen auch zuerst eine lebhafte Fremdenindustrie. Zu ihren Erzeugnissen gehörten die Reihen von Städteansichten in Form von Besuchskarten, wie sie italienische Verleger zahlreich herausbrachten, Bogen von 4 bis 12 Stücken mit Ansichten von Rom, Florenz, Venedig, Sizilien und anderen Gegenden. Oft sind es ziemlich trockene Veduten, wie die hier abgebildeten Stöcke (Abb.226/28), aber manche haben doch im kleinen etwas von der Erhabenheit und dem düsteren Stimmungsreiz der Werke Piranesis. Gelegentlich stellte man auch mehrere berühmte Bauwerke ohne Rücksicht auf ihre wirkliche Lage in einem Bilde zusammen, so einmal die Trajanssäule, das Colosseum und die Kapitolinische Wölfin, ein archäologischer Anschauungsunterricht im kleinsten Format. Wohl das größte Unternehmen dieser Art war die Reihe von nicht weniger als 320 römischen Ansichten, gestochen von Domenico Pronti, die 1791 herauskam. Der Erwerber solcher Folge konnte in der Heimat die Schönheiten der Fremde noch einmal an seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen, konnte seine Freunde und Bekannten nach und nach bei seinen Besuchen daran teilnehmen lassen und hatte gleich einen hübschen Anknüpfungspunkt für Plaudereien über seine Reise. Außerdem machte es sich gut, wenn man womöglich noch nach Jahren gelegentlich an das große Ereignis seines Lebens erinnern, mit seiner Italienfahrt ein bisschen groß tun konnte.

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Abb. 235 Italienische Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen) Abb. 236 Italienische Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen) Abb. 237 Besuchskarte mit Landschaft, vermutlich Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen) Abb. 238 Besuchskarte des L. Liquier, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen) Abb. 239 Besuchskarte des Prinzen Albani, Kupferstich (Aus der Arena) Abb. 240 Rahmenkarte mit dem Namen des Berliner Baumeisters Titel, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen)