Persönliche Karten und Rahmenkarten

Alle Besuchskarten scheiden sich in zwei Gruppen; es sind entweder Kartenblanketts, sogenannte Rahmenkarten, die in den Papiergeschäften für jedermann vorrätig gehalten wurden und in die der Käufer seinen Namen schrieb oder eindrucken ließ, oder es sind individuelle Karten, die für bestimmte Personen in deren Auftrag angefertigt wurden. Welche von beiden Arten zeitlich vorangeht, wird schwerlich mit voller Sicherheit festzustellen sein. Daß die früheste datierbare Karte, die des Militärgouverneurs von Metz, eine Rahmenkarte ist, beweist natürlich den zeitlichen Vorrang dieser Gruppe nicht, gibt aber wohl den richtigen Fingerzeig. Vermutlich wird der Zwang der Mode jedermann, der zu gehobenen Gesellschaftsschichten gehörte, zur Benutzung der Karten genötigt haben, dann wird bei einzelnen der unter dies Modejoch Gebeugten der Wunsch entstanden sein, etwas Besonderes zu besitzen, das ihnen allein gemäß sei, das sie nicht mit jedem Beliebigen zu teilen brauchten. Die Entwicklung wäre dann die gleiche gewesen wie bei der Glückwunschkarte, wobei freilich zu bemerken ist, daß die persönliche Glückwunschkarte viel seltener blieb als die persönliche Besuchskarte.

Italienische Rahmenkarte mit Ansicht aus Venedig, Kupferstich

Aber auch sie war immerhin eine Ausnahmeerscheinung. Unter den 27 zeichnerisch geschmückten Besuchskarten, die Severy deLuze (a. a. O.) aus den in der Zeit von etwa 1770 bis 1800 in einem Genfer Haushalt aufgehobenen, also rein zufällig zusammengekommenen Karten abgebildet hat, befinden sich schwerlich mehr als drei oder vier, die eigens für ihre Namensträger angefertigt sind. übrigens beschränkte sich die persönliche Besuchskarte keineswegs auf bestimmte Kreise. Höchstens von Italien kann man vielleicht behaupten, daß ihre Benutzer zu einem sehr großen Teile dem Adel angehörten, in Deutschland war das durchaus nicht der Fall. Die von dem Berliner Daniel Berger angefertigten Besuchskarten gehörten beispielsweise einem Major, einem Kammerherrn, zwei ausländischen Gesandten, einem Weinhändler, zwei Bankiers, einem Bankbuchhalter, einem Kriegsrat, einem Kaufmann und drei Geheimräten. Es waren also so ziemlich alle Gesellschaftskreise vertreten. Umgekehrt finden wir Mitglieder des Hochadels, z. B. Prinzen von Arenberg, Thurn und Taxis und Reuß, auf Rahmenkarten mit handschriftlich eingefügtem Namen vertreten. Ein Beweis, dass individuelle Neigung, nicht gesellschaftlicher Zwang für die Anschaffung persönlicher Besuchskarten bestimmend war. Übrigens mögen besonders zwei Gründe der Alleinherrschaft der persönlichen Besuchskarte in der vornehmen Gesellschaft entgegengestanden haben. Jeder, der in der Gesellschaft verkehren wollte, brauchte Besuchskarten, aber nicht jeder konnte oder wollte den Preis bezahlen, den ein tüchtiger Stecher für die Herstellung einer eigenen Karte forderte, und der war vermutlich keineswegs niedrig. Solche Preise, wie der englische Modegraphiker Bartolozzi verlangte, der für die Besuchskarte der Lady Bessborough 20 Pfund Sterling erhielt. werden in Deutschland freilich nicht vorgekommen sein. Immerhin wissen wir aber, daß Chodowiecki sich sein Exlibris für den Schweizer Arzt Schinz mit sechs Friedrichsdor bezahlen ließ. Weniger würde er für eine Besuchskarte wohl auch nicht genommen haben, und eine solche Ausgabe für einen derartigen Zweck wird mancher gescheut haben. Dazu kam vermutlich noch ein zweiter Grund: der fortgesetzte Gebrauch ein und derselben Karte langweilte auf die Dauer den Besucher wie den Besuchten. Zumal die elegante Damenwelt wird ebensowenig gern fortgesetzt ein und dieselbe Karte benutzt haben, wie sie längere Zeit ein und denselben Hut, ein und dasselbe Kleid getragen haben wird. Bei den Attributen äußerlicher Eleganz muß dem Wechsel, muß der Mode ein gewisser Spielraum geschaffen werden, und hierzu boten die in großer Mannigfaltigkeit hergestellten Kartenblanketts reichlich Gelegenheit. Im einzelnen ist es oft unmöglich, festzustellen, welcher von beiden Gruppen eine Karte angehört. Vor allem darf ein eingedruckter Name nicht zu der Annahme verleiten, daß man es mit einer persönlichen Karte zu tun habe. Im Gegenteil sind auch solche Karten meist Rahmenkarten, wenn nicht ein Wappen oder sonst irgendeine Zutat auf die Person des Besitzers hinweist. So legt z. B. bei der hier wiedergegebenen Besuchskarte des Berliner Professors Erman (Abb. 220) die unvollständige Füllung des Raumes durch den Namen die Annahme nahe, daß die Umrahmung fertig gekauft ist. Daher begegnen uns beliebte ornamentale Rahmen immer wieder mit verschiedenen Namen. Die Ungersche Buchdruckerei in Berlin zeigte 1780 in der Vossischen Zeitung Visitenkarten mit neu inventierten Einfassungen an, worin zugleich der Name, welcher verlangt wird, mit eingedruckt werden kann. Manchmal kann der Zusammenhang freilich auch der sein, daß eine besonders hübsche Karte für andere Personen nachgestochen oder daß eine in der Druckerei verbliebene Platte später für jemand anders noch einmal verwendet wurde. Hier ist z. B. die Karte eines Kammerherrn Grafen Kinsky abgebildet, die nach der Unterschrift von W. Darling gezeichnet und von Nieper gestochen ist (Abb. 218).

Genau die gleiche Umrahmung weist die von Severy deLuze abgebildete Karte eines Barons Reitzenstein und mit ganz geringen Veränderungen auch die in meiner Sammlung befindliche einer Prinzessin (?) Cowper auf (über den für eine Lady auffallenden Titel konnte ich nichts ermitteln). In allen drei Fällen sind verschiedene Platten benutzt worden. Wer könnte entscheiden, wie sich diese Gleichheit erklärt! Vielfach hat es offenbar auch für persönliche Besuchskarten gangbare Muster gegeben, unter denen der Besteller eins wählte, das dann für ihn mit den erforderlichen Veränderungen neu gestochen wurde. Vielleicht ist auf diese Weise die Ähnlichkeit der hier abgebildeten Karten de Bianco und de Loewenich zustande gekommen, von denen letztere auch als Exlibris gedient haben soll (Abb. 217 und 219). Die Besuchskarten Guarnaschel1i (Abb. 224) und Cavaliere Giusep. Ginori (Abb. 222) haben nur durch Anbringung des Namens und Wappens den Charakter der Rahmenkarte verloren. Denn die in ihrer Galakutsche Besuche erledigende Dame mit dem Läufer daneben gehört zu den gangbarsten Darstellungen der Kartenblanketts. Bei der Guarnaschellischen Karte sollte auf dem freien Raum vor dem Wappen das die Karte benutzende Familienmitglied seinen Vornamen eintragen, sie war also eine Familienkarte, ein in Italien nicht seltenes Mittelding zwischen allgemeiner und persönlicher Karte. Auch Hindeutungen auf den Beruf des Karteninhabers beweisen keineswegs, daß es sich um persönliche Karten handelt. Natürlich war das eins der einfachsten Mittel, der Karte einen persönlichen Charakter zu geben, und es wurde daher besonders häufig gebraucht. So sehen wir z. B. auf hier abgebildeten Karten des Hofmedicus Öggel den Arzt am Krankenbett (Abb. 261), des Chemieprofessors Paolo Gangione (Abb. 221) ein Laboratorium, des Bibliothekars Massimiliano Libri eine Bücherei (Abb. 223), wobei freilich auch eine Hindeutung auf den Namen beabsichtigt gewesen sein wird. Aber auch unter den Rahmenkarten fand fast jeder Stand für ihn Geeignetes: der Offizier zahlreiche Stilleben mit Waffen aller Art (Abb. 241 - 243), der Musiker Instrumente, der Schauspieler Theatermasken usw.

Weitere Bilder zu diesem Kapitel:

Für eine vergrößerte Ansicht klicken Sie bitte auf das jeweilige Bild.

Abb. 227 Rahmenkarte mit römischer Ansicht, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen) Abb. 228 Besuchskarte eines venezianischen Ministerresidenten (Aus der Arena) Abb. 229 Italienische Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von zur Westen) Abb. 230 Besuchskarte des Gesandten Baron v. Türckheim, Kupferstich (Sammlung von zur Westen) Abb. 231 Italienische Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von zur Westen) Abb. 232 Besuchskarte des Generalleutnants Baron Wrangel, Kupferstich (Aus der Arena) Abb. 233 Italienische Rahmenkarte, Kupferstich (Sammlung von Zur Westen)