Aufkommen der Besuchskarte

Zweifelsfrei bezeugt ist die Verwendung von Besuchskarten erst für den Anfang des 18.Jahrhunderts.Ihren Ausgang hat sie natürlich von Frankreich genommen, damals dem gelobten Lande der Mode und des guten Tones. Der Direktor der Mailänder Brera, Ettore Modigliani, hat in einem Aufsatz über >Old artistic Visiting Cards< (Connoisseur 1908, S. 84) ein Sonett des französischen Akademikers Bernard de la Monnoye zum Preise der Besuchskarte mitgeteilt, das wie folgt lautet:

>Souvent, quoique léger, je lasse qui me porte.
Un mot de ma facon vaut un ample discours.
J'ai, sous Louis le Grand, commencé d' avoir cours;
Mince, long, plat, étroit, d'une étoffe peu forte.
Les doigts les moins savants me taillent de la sorte,
Sous mille noms divers je parais tous les jours,
Aux valets étourdis je suis d'un grand secours.
Le Louvre ne voit point ma figure a sa porte.
>Une grossiere main vient la plupart du temps
Me prendre de la main des plus honnetes gens:
Civil, officieux - je suis né pour la ville.
Dans le plus dur hiver j'ai le dos toujours nu;
Et, quoique fort commode, a peine m'a-t-on vu,
Qu'aussitot négligé, je deviens inutile.<

Besuchskarte des Professors Erman-Berlin, wahrscheinlich Rahmenkarten mit eingestochenem Namen, Kupferstich

Hieraus ist vor allem zu entnehmen, daß die Besuchskarte unter Ludwig XIV. aufgekommen ist. Viel ist mit dieser Zeitbestimmung allerdings nicht anzufangen, denn der Sonnenkönig hat sehr lange regiert (1643-1715). Wann das Gedicht gefertigt ist, wissen wir nicht. Erschienen ist es 1716. Damals war die Einführung der Besuchskarte also bereits vollendet, sonst könnte von ihr nicht gesagt werden, daß sie täglich unter tausend verschiedenen Namen erscheine. Bis dahin werden mehrere Jahre vergangen sein. Andererseits ist es einigermaßen unwahrscheinlich, daß de la Monnoye der Besuchskarte ein eigenes Gedicht gewidmet hätte, wenn sie schon ein altbekannter Bedarfsgegenstand gewesen wäre. Offenbar galten seine lehrhaften Verse der Modeneuheit, die sie damals noch war; man wird daher mit ziemlicher Gewissheit ihr Aufkommen in die Zeit um 1710 zu verlegen haben. Über ihr anfängliches Aussehen läßt sich leider aus dem Gedichte nicht viel entnehmen - mince, long, plat, étroit, d'une étoffe peu forte - das gibt der Phantasie kein Bild. Vielleicht hat man sich schon damals zu diesem Behufe der Spielkarte bedient, auf deren Rückseite der Name geschrieben oder gedruckt wurde. Für das Jahr 1741 ist diese Art von Besuchskarten durch das bereits einmal erwähnte satirische Gedicht: "Les Inconvénients du jour de l'an" bezeugt, in dem es heißt:

Qu'il aime qu'a la porte un zélé domestique
Lui dise: ,On est sorti.' C'est alors qu'il ressent
Certain plaisir secret de voir qu'on est absent.
Et son nom bien écrit rend sa visite en forme.
Tel est le bel usage auquel il se conforme.
Sur le dos d'une carte on fait sa signature
Pour rendre sa visite au dos de la serrure

(Grand - Carteret a. a. O., S.36/37). In Deutschland ist diese seltsame und wenig geschmackvolle Benutzung der Spielkarte zu Besuchszwecken sehr verbreitet gewesen und hat sich merkwürdig lange gehalten. Sie ist noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts nachweisbar. Man zerschnitt die Karten meist in vier oder sechs Streifen. In einem Aufsatz von Severy de Luze (Vom Fels zum Meer, 14, S.1547) wird, leider ohne Zeitangabe, folgende Stelle aus dem Briefe eines sardinischen Generals Henri de Charriere nach seiner Niederlassung in Lausanne mitgeteilt: >Vorgestern und gestern verwendeten wir zwei Spiele Karten zur Erwiderung der Besuche, welche die Neugier mehr als die Zuneigung vieler Leute uns verschafft hatte. < Seit wann man dazu übergegangen ist, Besuchskarten mit gestochenen Umrahmungen herzustellen, läßt sich gleichfalls nicht genau feststellen; nach den oben mitgeteilten Versen war es im Jahre 1741 offenbar noch nicht der Fall. Bertarelli-Prior haben ermittelt, daß der Besitzer einer in ihrer Sammlung befindlichen Karte, der Militärgouverneur von Metz Carlo Majnoni, im Jahre 1757 gestorben ist. Damals gab es also bereits gestochene Besuchskarten. Ihr Aufkommen fällt somit zwischen die Jahre 1741 und 1757. Im Jahre 1760 war sie in Frankreich bereits ein gangbarer Handelsartikel, denn damals machte ein Papierhändler Croisey, der in Paris, Rue St. André des Arts sein Geschäft hatte, bekannt, daß man bei ihm >de jolie (!) billets de mariage et diverse sorte de billets d'invitations, cartes pour visites< kaufen könnte. Auf der andern Seite steht durch einen von Dr .Karl Trautmann gemachten Fund fest, daß 1759 von einem allgemeinen Gebrauch gestochener Besuchskarten in Paris noch keine Rede war. Im Geheimen Staatsarchiv in München befinden sich nämlich 60 Besuchskarten, die Gesandte und sonstige hohe Würdenträger sowie Mitglieder der französischen Hofgesellschaft im Frühjahr 1759 bei dem Konferenzminister des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz Baron Beckers abgegeben haben, der damals einige Zeit in diplomatischen Geschäften in Paris weilte. Diese Karten sind durchweg Papierstreifen, Tarockkarten oder Teile letzterer, auf die die Besucher ihre Namen geschrieben hatten, eine gedruckte oder gar ornamentierte Karte findet sich nicht darunter (Trautmann, Altbayrische Visitenkarten des 18. Jahrhunderts, Monatsschrift des historischen Vereins von Oberbayern, VII. Jahrg., S. 71 ff.). Man wird also eine ziemlich langsame Einbürgerung anzunehmen haben.

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Abb. 221 Besuchskarte des Chemikers Paolo Sangiorgio, Kupferstich </i><br />(Aus der 'Arena') Abb. 222  Besuchskarte des Marchese Ginori, Kupferstich Abb. 223 Besuchskarte des Bibliothekars Massimiliano Libri, Kupferstich Abb. 224 Besuchskarte der Familie Guarnaschelli, Kupferstich Abb. 225 Besuchskarte des Pater Ballas, Kupferstich