Aussichten der Bewegung

So schön und erfreulich vieles ist, was die Bewegung bisher hervorgebracht hat, der Einführung der illustrierten Besuchskarte hat sie uns nicht wesentlich näher geführt. Die paar hundert Besitzer solcher Blätter - was bedeuten sie gegenüber den Hunderttausenden, die nach wie vor ihre Karten ohne jegliche künstlerische Mitwirkung herstellen lassen! Worauf beruht nun das Scheitern einer mit so schönem Idealismus unter Aufwendung erheblicher Mittel ins Leben gerufenen Bewegung? Verschiedene Gründe werden dafür verantwortlich zu machen sein. Einmal fehlt der Menschheit von heute die Neigung, alle Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, seien sie noch so unbedeutend, zierlich zu schmücken, die unsere Voreltern in so reichem Maße besaßen. Im Gegenteil, gerade soweit unsere Gesellschaft künstlerisch interessiert ist, strebt sie für die Gegenstände des täglichen Bedarfs die Freiheit von jeder überflüssigen Verzierung, eine aus dem Gebrauchszweck entwickelte, nur auf dem Ebenmaß der Verhältnisse und der Güte des Materials beruhende Schönheit an. Der Zweck der Besuchskarte, die Bekanntgabe des Namens eines Besuchers, wird aber durch künstlerisches Beiwerk eher beeinträchtigt als befördert. Man kann sich als Gegenbeweis nicht auf das Wiederaufblühen der Exlibriskunst berufen, auf das auch die Veranstalter des Wettbewerbs hauptsächlich ihre Hoffnung auf einen ähnlichen Erfolg gegründet hatten. Das Bucheignerzeichen ist nämlich in seiner heutigen Form überhaupt kein eigentlicher Gebrauchsgegenstand. Einmal ist die durch sein Einkleben angeblich bewirkte Sicherung des Buches recht fragwürdig; die Hauptsache dabei ist für den Bücherbesitzer die Ausschmückung und Individualisierung seiner liebsten Güter, die Erhöhung seines Eigentumsbewußtseins. Ferner ist ein großer Teil der Exlibris überhaupt gar nicht zur Verwendung bestimmt, dazu nach seiner Größe auch gar nicht geeignet, sondern lediglich Tausch- oder Geschenkblatt oder der Freude des Bestellers an der Schaffung eines auf seine Person bezüglichen Werkes eines von ihm geschätzten Künstlers entsprungen. Außerdem war es natürlich sehr viel leichter, einen Teil der Bücherfreunde, keineswegs alle, nach und nach zur Anschaffung eines Exlibris zu bestimmen, als das unermeßliche Heer der Benutzer von Besuchskarten für deren künstlerische Ausstattung zu gewinnen. Eine allmähliche Einführung ist hier nämlich meiner Überzeugung nach kaum möglich, sie muß plötzlich mit der Allgewalt erfolgen, mit der sich eine Modeneuheit, sie mag noch so toll sein, mag zunächst noch so starkem Widerstreben begegnen, schließlich doch durchsetzt. Denn mancher kann zwar ein warmer Anhänger der Idee sein, wird sich aber doch bedanken, für sie durch tatsächliche Benutzung, d. h. Abgabe einer dekorierten Karte außerhalb des Kreises gleichgestimmter Bekannter, Propaganda zu machen. Ich bin im Gegenteil sogar überzeugt, daß nur sehr wenige Besitzer künstlerischer Besuchskarten von ihnen diesen Gebrauch machen. Die Veranstalter des Wettbewerbes haben die Schwierigkeit richtig erkannt und daher zwei hochgestellten Damen den Schutz ihres Unternehmens übertragen, natürlich in der Hoffnung, daß sie die Karten benutzen und durch ihr Beispiel in die Mode bringen würden. Dadurch wären zunächst die Hofkreise und sodann alle gesellschaftlich mitzählenden Personen zur Anschaffung eines solchen Blattes genötigt worden. Denn was bei Hofe zum guten Ton gehörte, war regelmäßig binnen kurzem auch für bürgerliche Kreise verbindlich, die weitab von ihm standen. Man erinnere sich, wie schnell in den neunziger Jahren Quadrille a la reine und Gavotte allgemeine Aufnahme fanden, nachdem sie der Kaiser in der Hofgesellschaft eingeführt hatte. Der Gedanke, die beiden Preinzessinnen für die Sache zu interessieren, war also an sich richtig; trotzdem führte er nicht zum Ziel, weil die hohen Damen die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllten. Offenbar haben die preisgekrönten Arbeiten ihrem Geschmack nicht entsprochen. Jedenfalls hat man nie gehärt, daß sie sie benutzt oder auch nur haben drucken lassen. Wird aber in Zukunft bei den verwandelten Verhältnissen irgendeine Person noch genügenden gesellschaftlichen Einfluß haben, um die künstlerische Besuchskarte zum Modegegenstand zu machen? Ich möchte es sehr bezweifeln. Solange das aber nicht erreicht ist, wird der Benutzer einer dekorierter Besuchskarte etwa mit denselben Augen angesehen werden wie die Herren, die verschiedentlich den farbigen Frack und die Kniehosen in den Ballsaal einzuführen suchten. Dem werden sich aber immer nur wenige aussetzen mögen. Und schon darum halte ich die baldige Einführung der künstlerischen Besuchskarte für wenig wahrscheinlich. Dazu kommt ein neuerer Erschwerungsgrund, den die politische und wirtschaftliche Umwälzung geschaffen hat.

Besuchskarte, Radierung von Georg Broel

Ein erheblicher Teil der Kreise, die bisher die sogenannte Gesellschaft bildeten, ist verarmt und zu erheblicher Einschränkung der Geselligkeit genötigt, während auf der andern Seite die Kosten für die Anschaffung einer künstlerischen Besuchskarte gewaltig gestiegen sind. Bei den Betroffenen wird daher die eine bedeutende Luxusausgabe noch stärker sein wie früher. Die Aussichten für die Wiederbelebung der künstlerischen Besuchskarte sind also jetzt schlechter als jemals. Sicherlich erreichbar ist dagegen die Veredelung der Besuchskarte in ihrer gegenwärtigen Form, wenn sie von berufener Seite in geeigneter Weise angestrebt wird. Die letzten Jahrzehnte haben unsere Buchkunst auf eine sehr erfreuliche Höhe erhoben; wir haben eine reich Auswahl ausgezeichneter Künstlerschriften, haben tüchtige Setzer, haben Schreibkünstler von hervorragendem Können. Längst hat sich der Kaufmann diese Errungenschaften für seine Geschäftskarten nutzbar gemacht - warum soll die Besuchskarte an ihnen nicht teilnehmen, warum soll sie ewig ihre trostlose Eintönigkeit und Charakterlosigkeit behalten? Schon einer der Preisrichter im Leipziger Wettbewerb ist für eine solche Verbesserung eingetreten; denn er schrieb damals: "Ein klarer Antiquasatz, ein Satz aus schöner Fraktur, aus der Behrenstype oder Kursiv, um vom Modernen nur das beste zu nennen, auf gutem Papier, in den Verhältnissen gut abgewogen, wird eine tadellose Besuchskarte geben. Ich für mein Teil wäre vollständig damit zufrieden. Will man mehr, so mag man sich das Ganze von einem Schreibkünstler schreiben lassen." Für eine solche Reform unsere Druckereien und vor allem unsere guten Papiergeschäfte, in denen ja die Mehrzahl der Besuchskarten bestellt wird, zu interessieren, wäre der erste und wichtigste Schritt zu diesem Ziele. Sie müssen derartige Muster, wie sie z. B. die Schriftproben der Schriftgießerei Gebr. Klingspor enthalten, den Bestellern vorlegen und für sie Stimmung machen. Das Publikum würde um so leichter für die Neuerung zu gewinnen sein, als ihm keine erheblichen geldlichen Mehraufwendungen zugemutet zu werden brauchten. Ganz besonders erfreulich wäre es aber, wenn die Meister unserer gerade in letzter Zeit so erfreulich aufgeblühten Schreibkunst in größerem Umfange zum Entwurf von Besuchskarten herangezogen würden. Rudolf Koch, der hervorragende Offenbacher Schriftkünstler , hatte bereits zu dem Leipziger Wettbewerb eine Karte für die Prinzessin Johann Georg eingereicht, die auch einen Preis erhielt. Mit ausdrucksvollen gotischen Lettern waren Namen und Titel auf roten Linien in zwei Zeilen geschrieben: dem großen P war das Wappen angehängt. Eine ähnliche, fast noch schönere Karte zeichnete er für Kurt Aarhus. Die Blätter entzückten mich außerordentlich, und bald war mein Wunsch erfüllt, ein ähnliches zu besitzen, das mich künstlerisch fast niemals benutzt habe. Das Wappen, so hübsch es das Blatt schmückt, war dür eine Besuchskarte zuviel, machte sie für den Gebrauch zu auffallend. Wer möchte aber in der Gesellschaft auffallen, sei es auch durch guten Ge schmack! Also auch hier ist zur Beschränkung zu raten. Koch hat eine ganze Reihe mustergültiger Karten ohne solche Zutat geschrieben; wer für sein Blatt einen moderneren Charakter wünscht, findet in Heinz Keune (Berlin), Leni Collin (Frankfurt a. M.), Max Körner (Stuttgart) und manchem andern Schriftkünstler einen geeigneten Helfer. Hat aber die geschriebene Besuchskarte, die natürlich in Strichätzung zu vervielfältigen wäre, sich erst in weiteren Kreisen eingebürgert, so gelangen wir auf dem Umweg über sie vielleicht doch noch zu einer weiteren, wenn auch schwerlich allgemeinen Verbreitung der dekorierten Besuchskarte.

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Abb. 316 Besuchskarte, Radierung von Hubert Wilm Abb. 317 Besuchskarte, Radierung von Hans Schrödter Abb. 318 Besuchskarte, Radierung von Fritz Gilsi Abb. 319 Besuchskarte, Radierung von Hubert Wilm Abb. 320 Besuchskarte, Radierung von Fritz Gilsi Abb. 321 Besuchskarte, Radierung von Adolf Kunst Abb. 322 Besuchskarte, gezeichnet von Dorothea Mönkemeyer-Corty Abb. 323 Besuchskarte des Verfassers, gezeichnet von Rudolf Koch