Das bisherige Ergebnis der Bewegung

Zwölf Jahre sind seitdem verflossen, zur Hälfte freilich Jahre voll kriegerischen und revolutionären Sturmes, und von einer Einbürgerung der geschmückten Besuchskarte kann keine Rede sein. Sie ist auch von der näheren Zukunft nicht zu erwarten. Im Gegenteil ist die künstlerische Besuchskarte auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt geblieben, der sich zum Teil mit dem der Exlibrissammler deckt, und ihre Besitzer benutzen sie, soweit ich feststellen konnte, vorzugsweise zu Mitteilungen und Sammelzwecken, aber nicht bei Besuchen. Woran das liegt, werden wir am Schluß dieses Abschnittes zu untersuchen haben. Betrachten wir zunächst, was an künstlerisch Wertvollem bisher geschaffen ist. Daß die Ausbeute nicht allzu groß ist, wurde ja bereits betont. Durchweg handelt es sich um persönliche Karten. Die Rahmenkarten, die vor einigen Jahren in den Papierläden verkauft wurden, waren teils Nachahmungen alter Umrahmungen, teils unterwertig, so daß sie hier außer Betracht bleiben können. Natürlich wollten viele, die sich eine persönliche Karte fertigten oder bestellten, sie auch in dem Sinne persönlich gestalten, daß der Bildinhalt mit ihrer Person in Beziehung gesetzt wurde. Wie das zu machen ist, haben die Exlibriszeichner alter und neuer Zeit so ausgiebig bewiesen, daß neue Wege hier kaum zu finden sind; es fragt sich somit nur, wie weit die von ihnen gewiesenen Möglichkeiten auch für die Besuchskarte in Betracht kommen. Hier das rechte Maß zu halten, ist sicherlich nicht immer ganz einfach. Beim Exlibris bietet sich im Charakter, den Neigungen und Liebhabereien des Bucheigners eine Fülle von Anknüpfungspunkten, die der Künstler der Zopfzeit unbedenklich auch für die Besuchskarte verwerten konnte. Heute ist das in der Regel nicht möglich. Die Menschen der Gegenwart sind nicht mehr so geneigt wie die damalige Generation, in Briefen an flüchtige Bekannte ihr volles Herz auszuschütten, mit schönen Gefühlen, mit Weltschmerz und Empfindsamkeit zu posieren. Auch wenn man auf einem Exlibris, das man in seine verschwiegenen Bücher klebt, mancherlei über sich ausplaudern läßt, wird man doch Bedenken tragen, dem häufig ganz unbekannten Empfänger einer Besuchskarte gleich ein gezeichnetes Charakterbild in die Hand zu drücken. Es werden also meist nur äußerliche Beziehungen sein, auf die sich der Zeichner einer Besuchskarte zu beschränken hat. Man muß anerkennen, daß die Schöpfer moderner Besuchskarten das richtig empfunden haben; peinlich wirkende Selbstbekenntnisse sind fast durchweg vermieden. Am häufigsten hat man natürlich versucht, Beruf oder Titel statt durch Schrift durch eine Bildhieroglyphe zu geben. Ausgezeichnet hat das z. B. Bruno Heroux verstanden, der in seinem reizenden, aus der Frühzeit der Bewegung stammenden Blättchen (Abb. 305) die Tätigkeit des Malerradierers anmutig ausgedrückt, in seiner flotten, fast skizznnhaften neueren Karte einen weiblichen Akt dargestellt hat, der das ganze Arsenal der Werkzeug des Griffelkünstlers drohend auf sich gerichtet sieht, und in der geistvollen Karte für Marie Schmidt (Abb. 304) sogar für die Wirksamkeit der Leiterin einer Gastwirtschaft, der Köche und Kellner gehorchen, einen knappen und überzeugenden Ausdruck gefunden hat. Erich Gruner, der sich in seiner Anfangszeit besonders dem Plakat widmete, stellt auf seiner Karte einen Maler dar, der einem Pelikan den Schnabel anstreicht, eine kecke und flott hingeworfene Groteske. Ephraim Moses Lilien weist auf seine Tätigkeit als Illustrator der alten hebräischen Dichtungen hin (Abb. 307), Erich Heermann auf die seine als Landschaftsradierer, Eduard Winkler durch ein Duell zwischen Schwarz und Weiß, vertreten durch Putten, auf die seine als Griffelkünstler. Der Beruf des Kunstkritikers ist von Willi Münch in der Karte für Dr. Jos. Aug. Beringer (Abb. 309) durch zwei Putten lustig symbolisiert, von denen der eine, boshaft dreinschauende den andern mit der Schreibfeder verwundet, während über beiden ein bunter Wundervogel der Kunst schwebt.

Besuchskarte für Maria Hell, Radierung von Erich Gruner

Ernster faßt Fritz Mock das gleiche Thema, indem er auf der Karte für Richard Braungart einen weiblichen Genius als Überbringer eines Lorbeerkranzes auf einer Feder herbeireiten läßt (Abb. 310). Zwei ganz verschiedenartige Besuchskarten besitzt Dr. med. Karl Becher in Karlsbad. Die eine, deren Verfertiger ich nicht kennet zeigt ganz in der Weise des 18. Jahrhunderts Gewandfiguren der Athene und Hygiea, zwischen denen sich ein Durchblick auf die alte Bäderstadt öffnet, während in der andern Franz de Bayros durch zwei seiner bekannten Rokokofiguren die Galanterie als Eigenschaft .des Frauenarztes etwas reichlich stark in den Vordergrund gestellt hat. Fidus hat für Adolf Conrad einen Lehrer bei der Unterweisung zweier Knaben dargestellt; Hubert Wilm hat Roda Roda einen Eulenspiegel, der Buchhändler Horst Stobbe einen Wall aus Büchern, Hans G. Goldmann ein Stilleben aus Musikinstrumenten auf die Karte gesetzt..Paul Voigt hat durch allerlei Apparate auf S. F. Meißls Tätigkeit als Direktor einer optischen Fabrik gewiesen, Max Bernuth durch kleine Figuren an einem den Namen einschließenden Kreis den Beruf und die Liebhabereien eines andern Fabrikdirektors, Dr. Robert E. Schmidts, angedeutet, Dorothea Mönkemeyer-Corty durch einen geflügelten Merkurstab und ein Geldstücke bergendes Füllhorn die kaufmännische Tätigkeit Eduard Merzingers gekennzeichnet (Abb. 322). Der Kammerherr und Major Lothar Buderus von Carlshausen hat in einer Karte von Heinrich Hönich diese DoppelsteIlung symbolisieren lassen, während auf einem andern Blatte desselben Herrn Otto Hupp durch St. Georg und St. Hubertus auf den militärischen Stand und die Jagdliebhaberei gedeutet hat. Bruno Heroux hat durch eine liebenswürdige Genreszene Relie Geyer-Heroux als sorgliche Hausfrau charakterisiert. Sogar eine Kunstreiterin, Mafia Schäfer, ist unter den Kartenbesitzern; Felix Heynig hat sie hoch zu Roß dargestellt, im Begriff, durch den Reifen zu springen, aber so klein daß von einer Bildniskarte nicht die Rede sein kann. Glücklicherweise kenne ich eine solche die nach meiner Auffassung einen Gipfel des Ungeschmacks darstellen würdet überhaupt nicht. Denn daß die Aktfiguren auf den Besuchskarten mancher Damen als Abbildungen der Karten inhaberinnen anzusehen seien, wie Willrich behauptet hat, ist natürlich ein boshafter Scherzt aber ein so naheligender, daß er den Getroffenen zu denken geben sollte. Hat doch selbst Heroux einer Dame, die Schreibfeder, Tintenfaß und Bücher wohl als Schriftstellerin kennzeichnen sollen, einen sitzenden Akt auf der Karte angebracht. Auch sonst fragt sich der Betrachter gelegentlich nach der Begründung der vom Künstler beliebten Nacktheit, so bei dem Mädchen, das auf Hans Volkerts gewi ß sehr schönen Karte für Doetsch-Benziger Kunstblätter betrachtet, und auch auf Martin Keymers Karte für Dr. Eduard Kratochwill ist der Mangel jeglicher Bekleidung bei dem Jungen, der Pflanzen sucht, und dem Mädchen, das eine Figur beschaut, nicht recht begreiflich. Freilich ist es nicht leicht, in einer Besuchskarte an die Besitzers anzuknüpfen, ohne indiskret zu werden. Die Klippe, ein Nebensächliches allzusehr in den Vordergrund zu rücken und so ein falsches Bild der Gesamtpersönlichkeit zu geben, wird ohnehin schwer zu umschiffen sein. Auch die reisenden Karten Alfred Coßmanns für Eduard und Lorle Sueß, in denen durch winzige, in die Buchstaben der Namen hineinkomponierte Figürchen auf die Liebhaberei der jugendlichen Besitzer für Jagd, Fechtkunst und Tanz hingewiesen wird, können natur gemäß nur für wenige Jahre wirklich kennzeichnend sein. In Bastianers Karte für den Direktor im Reichspostamt Granzow scheint durch die Münzen und ihre Bilder auf Interesse für Numismatik und Landwirtschaft gedeutet werden. Schade, daß die einem graziösen Rankenwerk eingefügte Schrift nicht eben gelungen ist. Auch Bruno Héroux weist in der Karte von Arthur Liebsch durch eine ausdrucksvolle Hand, die eine Münze aus dem Sammelkasten nimmt, auf das Sammelgebiet des Besitzers. Gern wird das Wohnhaus oder Schloß des Kartenbesitzers abgebildet, so in Erich Heermanns aus einer Wettbewerbsarbeit umgestalteten Karte für Erika von Kulmiz, oder es wird die Silhouette der Vaterstadt oder des Wohnorts gegeben, wie in dem Blatte desselben Künstlers für Moritz Edler von Weittenhiller oder in den Karten Liliens für seine Gattein Helene, Paul Flurys für Dr. Reinle, und F. Gilsis für Arnold J. Mettler. Auch in der holländischen Landschaft van Eykens für seine Frau Maria sollte wohl ein Stück Heimat gestaltet werden, und in Giga Heßhaimers Karte von Ludwig Heßhaimer lebt die Erinnerung an den langjährigen Aufenthalt in Bosnien fort. Verhältnismäßig sehr selten trifft man die eigentliche Stimmungslandschaft, so in den eigenen Blättern Martin Keymers und Alex Liebmanns sowie in den Karten Ivo Puhonnys und Theodor Schücks für Frau Dr. Beringer und P. Flurys für Dr. Wähmer. Ein in der Blütezeit der Besuchskarte außerordentlich häufiger Vorwurf hat von Erich Gruner in seinem Blatte für Frau Marie Hell (Abb. 306) eine ganz moderne Wendung erhalten; die Erinnerung an Italien, die Liebe zu dem schönen Lande, wo die Zitronen blühen, hat der Künstler zum Ausgangspunkt genommen, sich aber ebenso von trockener Vedutenhaftigkeit wie von Empfindsamkeit und Altertümelei ferngehalten. Unter unsern figürlichen Besuchskarten ist dies, glaube ich, eine der schönsten. Häufiger als die individuell gestalteten Karten, bei denen der Bildinhalt an die Persönlichkeit des Besitzers anknüpft, sind aber die Karten mit beziehungslosem Schmuck. Die häufigste und im allgemeinen zugleich dem modernen Empfinden gemäßeste Form der Ausschmückung bildet der ornamentale Rahmen, der teils sich an alte Sulformen anlehnt, teils nach ganz neuartigen Bildungen strebt. Bei den prächtigen Vorbildern, die gerade in dieser Richtung die alten Karten boten, ist es nur selbstverständlich, daß von Anfang an einzelne Künstler diesen Weg gegangen sind. Paul Voigt und Dr. Erich F.Hübner haben verschiedene solcher Blätter geschaffen. Hubert Wilm hat schon Anfang 1910 seine ornamentalen Karten für sich selbst und Rudolf Gerstung radiert, denen sich später weitere für Mary Sander, Herzog Geza (Abb.316), Elisabeth und Arthur Ellinger (Abb.3 1 9) zugesellten, in denen eine ausdrucksvolle, klare Schrift von schlichten, kräftigen Schmuckformen eingefaßt war - echte, zielbewußte Gebrauchsgraphik. Sehr umfangreich war Adolf Kunsts Tätigkeit, dessen Werk wohl sicher 30 Besuchskarten enthält. Vor allem hat er einer großen Reihe von Damen zierliche kleine Kärtchen gefertigt und dazu ganz besondere, neuartige Rahmen ersonnen. Bald legt sich ein Blumenkranz wie eine Stickerei auf Stramin um den Namen, bald sind, scheinbar willkürlich, zahllose verschiedene Blütenkronen über den Rand ausgestreut und vereinigen sich zu Umrahmungen, die gerade ihre Vielgestaltigkeit und Regellosigkeit reizvoll macht (Abb. 321).

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Abb. 307 Besuchskarte von E. M. Lilien, Radierung Abb. 308 Besuchskarte des Herzogs Wilhelm von Urach, von Heinrich Hönich Abb. 309 Besuchskarte des Kunsthistorikers Dr. J. A. Beringer, von Willi Münch

Zierliche Rosengirlanden, bisweilen durch Gruppen von kleinen Vögeln belebt, legt Georg Broel mit Vorliebe um seine Karten; einmal läßt er auch mit gewollter Zufälligkeit nach japanischer Art Zweige und Blumen in den umrahmten Fleck hinein ragen. Sechs Karten von ihm sind mir bekannt, für Mitglieder seiner Familie (Abb. 314 u. 315), für Käthi Richarz und Else Budy, alle von der gleichen weiblichen Zartheit und damenhaften Eleganz. Ich nenne ferner Hermann R. C. Hirzels Karten für Frieda Ballien und Meta Hirzel, Willi Geigers Blumenkorb für Wilhelm Seitz, Dorothea Mönkemeyer- Cortys Kranz für Karoline Merzinger, Hermann Strucks Glockenblume auf Nora Allatins Karte. Den Preis unter allen mir zu Gesicht gekommenen Karten mit ornamentalen Rahmen möchte ich aber einigen Blättern des Schweizers Fritz Gilsi zuerkennen. Zumal die Karte für Helen Rümbeli (Abb. 320) scheint mir in ihrer schwungvollen und gefälligen Linienführung, ihrer Vereinigung von Kraft, Eleganz und schlichter Vornehmheit mustergültig. In der Karte für Gret Rumbeli (Abb. 318) hat der Künstler durch die den Ecken des Rahmens eingefügten Putten auf die Neigung der Besitzerin zu Musik, Theater und Literatur hingedeutet. Eine ähnliche Aufgabe hat Hanns Bastanier in dem weitaus besten Stücke seines auf unserem Gebiete leider nur kleinen Werkes, der schönen Karte für Melchior Portmann, glücklich gelöst: das Bild einer Wassermühle gerade unterhalb der Mitte des Namens gibt den Stand des Besitzers an (Abb. 313).

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Abb. 310 Besuchskarte des Kunstschriftstellers R. Braungart, Radierung von F. Mock Abb. 311 Besuchskarte von Th. Schück, Radierung Abb. 312 Besuchskarte, Radierung von Hans Volkert Abb. 313 Besuchskarte, Radierung von Hans Bastanier Abb. 314 Besuchskarte, Radierung von Georg Broel