Dornröschenschlaf und Wiedererweckung der geschmückten Besuchskarte

Jahrzehntelang lag die künstlerische Besuchskarte In tiefem Dornröschenschlaf. Auch gebildete Kunstfreunde wußten nur ausnahmsweise von ihrer früheren Blüte. Freilich, einer Gruppe von Personen war sie wohl bekannt: den Sammlern alter Exlibris. Sie kannten sie, aber sie liebten sie keineswegs; im Gegenteil, sie sahen in ihr den erklärten Feind. Hat doch manche alte Besuchskarte ziemlich viel Ähnlichlkeit mit einem Bucheignerzeichen. und so kam es gar nicht selten vor, daß ein angehender Sammler für teures Geld ein Blättchen als vermeintliches Exlibris kaufte, von dem sich nachträglich herausstellte, daß "nur" eine Besuchskarte war. "Nur", welch ein Abgrund von Verachtung lag in diesem kleinen Wörtchen! Ich habe diese Geringschätzung niemals begreifen können. Künstlerisch, steht die Besuchskarte dem gleichzeitigen Exlibris gewiß nicht nach, Sie besitzt auch, soweit sie für bestimmte Personen geschaffen ist, das gleiche individuelle Interesse. Schließlich ist zu berücksichtigen, daß die Kreise der Besitzer von Exlibris und Besuchskarten sich durchaus nicht deckten. Gar mancher Staatsmann oder Feldherr, gar manches durch Stellung oder Geburt ausgezeichnete Mitglied der höheren Gesellschaft besaß eine Besuchskarte, das keine Zeit oder kein Interesse für die Anlegung einer größeren Bücherei und daher auch kein Bucheignerzeichen hatte. So ergänzen sich die Exlibris und die Besuchskarten zu einem erheblich vollständigeren Spiegelbilde der durch Rang, Geburt oder Bildung hervorragenden Kreise, als es eine Sammlung von Bucheignerzeichen allein gewähren kann. Warum entschloß man sich also nicht, beide Arten von Kleingraphik gleichzeitig zu sammeln? Inzwischen haben die letzten Jahrzehnte im In-und Ausland eine ganze Anzahl Sammlungen alter Besuchskarten erstehen Iassen; allzu groß wird ihre Menge aber schwerlich werden, da sie dem Sammler ziemlich geringe Aussichten bieten. Einmal war die Blütezeit der künstlerischen Besuchskarte nur kurz; erstreckte sie sich doch, wie wir gesehen haben, nur über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren, und sodann dürfte sich bei stärkerer Nachfrage die Zahl der erhaltenen Abdrücke als recht gering herausstellen. Denn während die Exlibris in ihrem sicheren Versteck zum großen Teil unversehrt der Nachwelt erhalten blieben, wurden die Besuchskarten auf Schalen gelegt oder hinter den Spiegel gesteckt, ein Brauch, der in der Redensart: "Das steckt man nicht hinter den Spiegel" noch heute fortlebt. Waren sie dort verstaubt und unleserlich geworden, wurden sie vernichtet. Hierin liegt auch die Erklärung, dass wenige Jahrzehnte die Erinnerung an die künstlerische Besuchskarte so vollständig auslöschen konnten, wie es tatsächlich geschehen war. Als ich, ich glaube, es war im Jahre 1901, im Berliner Künstlerhause einen Vortrag über Griffelkünstler im Dienste der Geselligkeit hielt, erwähnte ich auch bedauernd, daß unsere Künstler an der Besuchskarte leider achtlos vorübergegangen seien, obwohl sie doch einen der wichtigsten graphischen Bedarfsartikel bilde und noch zu unserer Großväter Jugendzeit so schön und geschmackvoll dekoriert worden sei. Da wurde ich von einer ganzen Reihe von Zuhörern verwundert gefragt, wie denn diese alten Blätter ausgesehen hätten, und wie ich mir den Schmuck moderner Besuchskarten dächte. Die Frage setzte mich in einige Verlegenheit. Ihren ersten Teil konnte Ich den Wissbegierigen einigermaßen beantworten, soweit sich eben durch Worte eine Vorstellung von einem Kunstwerke vermitteln läßt, auf ihren zweiten konnte ich dagegen keinen befriedigenden Aufschluß geben. Erst bei dieser Unterhaltung wurde mir nämlich selbst klar, daß die Aufgabe, moderne Besuchskarten sinngemäß und zweckentsprechend zu dekorieren sehr schwierig wäre und ihr die Künstler bisher nicht umsonst aus dem Wege gegangen seien.

Besuchskarte von Th. Hosemann (Kupferstichkabinett Berlin)

Wenige Jahre später wurde die deutsche Künst1erschaft von berufener Stelle zur Lösung der Aufgabe aufgerufen. In der Leipziger Illustrierten Zeitung war 1907 ein Aufsatz von F. B. über alte Besuchskarten erschienen, der mit vortrefflichen, der englischen Kunstzeitschrift Connoisseur entnommenen Abbildungen illustriert war. Hierdurch wurde die Leitung der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig zu dem Plane angeregt, dies so lange brach liegende Land der Kunst ebenso wiederzuerobern, wie es mit dem Exlibris wenige Jahrzehnte zuvor erfolgreich geschehen war. Der Deutsche Buchgewerbeverein schloß sich ihr an, und beide erließen gemeinsam im Jahre 1908 mit geldlicher Unterstützung des sächsischen Staates ein Preisausschreiben zur Erlangung von Entwürfen künstlerisch geschmückter Besuchskarten, das mit stattlichen Preisen im Gesamtbetrage von 4500 Mark ausgestattet war und unter den Schutz der Kronprinzessin des Deutschen Reiches und von Preussen und der Prinzessin Johann Georg von Sachsen gestellt wurde. Der Wettbewerb war in drei Abteilungen gegliedert; in den beiden ersten wurden Karten für die Schutzherrinnen des Unternehmens verlangt, in der dritten solche für beliebige Personen. Das Preisgericht bestand außer mehreren Vertretern der Akademie und des Buchgewerbevereins aus zwei der berühmtesten deutschen Künstler, die beide auch auf dem Gebiete der Radierung hervorragend bewährt waren, Max Klinger und Graf Leopold Kalckreuth, ferner aus drei tüchtigen Gebrauchsgraphikern, Cissarz, Diez und Hein; für eine sachkundige Beurteilung war also gesorgt. Nicht weniger als 2043 Entwürfe gingen ein; 16wurdten mit Preisen, 33 mit lobenden Erwähnungen ausgezeichnet. Von den drei ersten Preisen errang Heinrich Vogeler zwei mit Karten für die beiden Prinzesinnen, den dritten Hans Volkert mit einem reizenden Damenkärtchen, vielleicht dem besten Stück des Wettbewerbs, das später in den Besitz von Frau Finy Doetsch-Benziger überging (Abb.312). Unter den übrigen Preisträgern seien Karl Hollek-Weithmann, Rudolf Koch, Walter Conz und Ernst Aufseesser genannt. Gegenständlich boten die preisgekrönten Arbeiten eigentlich nichts, was die Karten der Vergangenheit nicht bereits gezeigt hatten; allegorische Figuren, Schloßarchitekturen, ornamentale Rahmen, in die edle Schrift eingefügt war, heraldische Zutaten, ein an die Stelle der Staatskarosse getretenes Handsom, in dem die Besitzerin Ihre Besuchstour abmacht, Blumenkorb und Blumenvase und auf der Karte eines Jägers einen von einem Hunde gehetzten Hirsch. Ein anderes Ergebnis war auch wohl kaum zu erwarten, die Blütezeit der Besuchskarte hatte ja das in Betracht kommende Stoffgebiet in der Hauptsache erschöpft. Bedauerlicher war schon, daß auch die alte Form vielfach übernommen war, dass Zopf-und Biedermeierstil viele der Blätter beherrschten. Daran war schwerlich allein das Vorbild der alten Karten schuld, es lag vielmehr in der Zeitstimmung bergründet; war doch Biedermeier die Mode des Tages. Das traf natürlich auch von den an sich gewiß sehr schönen Vogelerschen Radierungen zu, die einer der Preisrichter, Dr. Willrich, der damalige Direktor des Buchgewerbemuseums, als "modernisiertes Biedermeiertum, biedermeiertümelnde Moderne, eine Modernisierung des alten Typus" charakterisierte. Nicht als unübertreffliche Lösungen der Aufgabe, sondern "weil schließlich doch am meisten Künstlertum dahinter steckte", seien sie an die erste Stelle gerückt worden (Archiv für Buchgewerbe 1908, S. 229). Aber hatten nicht auch alle anderen damaligen Arbeiten Vogelers den gleich starken biedermeierischen Einschlag?

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Abb. 302 Besuchskarte des Schriftleiters Sievert, Lithographie von Gorsolke (?) (Sammlung von Zur Westen) Abb. 303 Besuchskarte des Regimentsarztes Dr. Puhlmann, Lithographie von Adolf Menzel, 1836 (Sammlung von Zur Westen) Abb. 304 Besuchskarte Marie Schmidt, Radierung von Bruno Héroux Abb. 305 Besuchskarte von Bruno Héroux, Radierung