Niedergang der Besuchskarten

Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts begann der Verfall der Besuchskarte, der sich nach dem Wiener Kongreß außerordentlich schnell vollzog. Den Beginn bezeichnen die Karten in kunstvoll verschnörkelter Kanzleischrift. Selbst Preußens höchster Beamter, der Staatskanzler Hardenberg. begnügte sich mit einem solchen Blatte, wie wir aus der hier gegebenen Abbildung (298) ersehen. Es muß aus der Zeit zwischen 1810 und 1814 stammen, da er sich einerseits bereits Staatskanzler, andererseits aber noch Freiherr nennt. Nach seiner Erhebung in den Fürstenstand benutzte er übrigens eine ganz ähnliche Karte. Beinahe noch einfacher war die Karte des Feldmarschalls Fürsten Blücher von Wahlstatt; lediglich der Rand zeigte ein sehr bescheidenes, in Prägedruck ausgeführtes Ornament. Bei aller Einfachheit vornehm und geschmackvoll wirken die beiden hier abgebildeten Besuchskarten Goethes, die ihn bereits als Großherzoglich Sächsischen Staatsministers aufführen, also nach 1815 entstanden sind (Abb. 299 u. 300). Die eine ist in flüssiger, verschnörkelter Schreibschrift, die andere In Typendruck mit einer schmalen Einfassung aus Ziermaterial ausgeführt. In der Unterschrift zu diesen Abbildungen wird im Goethekalender (1911, zwischen Seite 124/125) bemerkt, daß die von Goethe 1810 selbst gestochene Karte, vermutlich eine Landschaft enthaltend, bisher nicht aufgefunden worden sei. Als vermutliche Quelle dieser Nachricht habe ich nach langem Suchen eine Stelle in einem Briefe des Dichters an Silvia von Ziegesar vom Mai 1819 aufgefunden. wo es heißt: "Außer der unvermeidlichen Arbeit thu Ich fast nichts als Zeichnen und bin eben im Begriff mir Visiten Billete zu radieren, mit denen ich mich nächstens anzumelden hoffe. Daß Goethe mit dieser Arbeit zur eigenen Zufriedenheit zustande gekommen und die "Visitenbillete" tatsächlich benutzt hat, möchte Ich für ausgeschlossen halten. Stand er doch damals bereits auf der Höhe seines Ruhmes, wurde doch jedes von ihm stammende Blättchen von der Mehrzah1 der glücklichen Empfänger gewissenhaft aufgehoben, und da sollte eine eigenhändige Radierung spurlos verschwunden sein wie irgendeine Arbeit aus seiner Jugendzeit? Das scheint mir völlig unmög1ich. Den Karten in einfacher Schreib - oder Druckschrift folgten in den dreißiger und vierziger Jahren die Karten auf Glanzpapier mit möglichst kleiner, feiner Druckschrift, zunächst je kleiner, desto vornehmer. Auf Format und Schriftcharakter erstrecken sich seitdem ausschließlich die Wandlungen der Mode. In Ihrer Gesamtheit bleibt die Besuchskarte trostlos einförmig.

Besuchskarte des Akademiedirektors J. Bergler-Prag, Kupferstich von ihm selbst (Sammlung von Zur Westen)

Künstlerischer Schmuck findet sich nur noch so selten, daß er als die Marotte einiger weniger Sonderlinge erscheint, die man am ehesten einem Künstler verzieh. Diesem Stande gehören denn auch die meisten solcher Kartenbesitzer an, wobei im Einzelfalle die Frage offen bleibt, ob es sich nicht eigentlich um eine nur für das Berufsleben bestimmte Geschäftskarte des "Malers und Illustrateurs" handelt. Solche Blätter besaßen z.B. der Berliner Graphiker Adalbert Müller und verschiedene seiner Berufsgenossen. Als Beispiel ist hier das außerordentlich zarte radierte Blättchen Ludwig Burgers wiedergegeben, das zweifellos aus seiner Frühzeit stammt. Neben der Schrifttafel sieht man einen Maler und Frau Historia mit riesiger Schreibfeder (Beilage zwischen S.226/227). Schade, daß nicht auch der hübsche Entwurf ausgeführt worden ist, der den jungen Künstler in behaglicher Faulenzerei auf dem Sofa liegend darstellt. Die feine Bleistiftzeichnung ist vor einigen Jahren aus dem Nachlaß des Meisters in meine Sammlung gelangt. Auch Theodor Hosemann hat sich ein allerliebstes Blättchen gezeichnet, von dem ich nicht weiß, ob es vervielfältigt ist (Abb. 301). Der Einfluß seiner Art spricht deutlich aus der hübschen Bildniskarte für den Besitzer einer landwirtschaftlichen Zeitung Sievert, die angeblich 1863 von A. Gorsolke lithographiert ist und wohl ziemlich einzig in ihrer Art gewesen sein wird (Abb.302). Schwerlich in der Absicht praktischer Verwertung bei Besuchen ist schließlich das Blättchen geschaffen worden, das Adolph Menzel 1836 für einen Freund, den Regimentsarzt Puhlmann in Potsdam, auf den Stein zeichnete (Dorgerloh 119a). Aus einer Büchse, die ein Mann geÖffnet hat, steigt eine dichte Schar verwundeter und kranker, von der Gestalt des Todes überschwebter Soldaten hervor und strebt teils auf einen Wall von Messern, Lanzetten und anderen ärztlichen Instrumenten, teils auf eine Batterie von Arzeneiflaschen zu. Rechts und links sehen wir Sargtischler, Leichenbitter und Totengräber feiern, weil sie der Erfolg, der ärztlichen Kunst arbeitslos macht. Eine Harfe, Singvögel, eine Palette deuten auf Puhlmanns musikalische und künstlerische Neigungen, Zirkel, Lineal und Bibel auf seine Stellung als Meister vom Stuhl der Potsdamer Freimaurerloge. Das Blatt gehört zu Menzels schönsten und geistvollsten Leistungen auf dem Gebiete der Gebrauchsgraphik (Abb. 303).

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Abb. 297 Besuchskarte des Akademiedirektors J. Bergler-Prag, Kupferstich von ihm selbst (Sammlung von Zur Westen) Abb. 298 Besuchskarte des Staatskanzlers Freiherrn v. Hardenberg (Sammlung von Zur Westen) Abb. 299 Besuchskarte J. W. von Goethes (Nach dem Goethekalender) Abb. 300 Besuchskarte J. W. von Goethes (Nach dem Goethekalender)