Angebliche Vorläufer der Besuchskarte

Wann ist die Besuchskarte aufgekommen? Die Frage ist mit voller Genauigkeit nicht zu beantworten. Ebenso wie dem Exlibris hat man auch ihr ein ehrwürdiges Alter zugeschrieben, hat ihre Spur im griechischen Altertum entdecken zu können geglaubt, hat den Römern "schedulae Salutatoriae", man darf wohl sagen, angedichtet, hat ihre Benutzung durch die Chinesen schon In grauer Vorzeit feststellen wollen. Die Bewohner des Reiches der Mitte haben Schießpulver, Porzellan und Buchdruckerkunst lange vor uns Europäern besessen - warum sollten sie, da sie bekanntlich die höflichsten Menschen sind, nicht auch die Erfindung der Besuchskarte vor uns gemacht haben?

Emblemata nobilitatis von Th. DeBry, 1593

Mag dem aber sein wie ihm wolle, mit unserer modernen Besuchskarte verknüpft diese vermeintlichen oder wirklichen Vorläufer kein Band. Wir haben unsere Besuchskarte ohne allen Zweifel weder von den Römern noch von den Chinesen übernommen, für unsere Nachforschungen kann also nur die Zeit in Betracht kommen, seit am Ausgange des Mittelalters die Kunst des Lesens und Schreibens in gewissen Oberschichten der Bevölkerung so allgemein geworden war, daß eine Besuchskarte Daseinsberechtigung hatte. Wie wir gesehen haben, hat die Glückwunschkarte bereits im 15. Jahrhundert geblüht, auch handgemalte und gedruckte Exlibris sind aus dieser Zeit nachweisbar; warum sollten nicht auch die Anfänge der Besuchskarte so weit zurückreichen? Der Gedanke, bei einem erfolglosen Besuche einen urkundlichen Beweis seiner Anwesenheit zurückzulassen und sich damit von der Gedächtnisschwäche und Nachlässigkeit der Dienerschaft unabhängig zu machen, lag doch so nah! Indessen ist ein Nachweis der Benutzung von Besuchskarten für die Zeit vor Ludwig XIV. bisher nicht geführt. J. Grand-Carteret behauptet in seinem Buche >Vieux papiers, viei11es images< (Paris 1896, S. 35), übrigens im Anschluß an einen Aufsatz Urbani de Gheltofs in einer venezianischen Zeitschrift, daß die deutschen Studenten der Universität Padua seit 1550 bei ihren Professoren eine Karte abgaben, wenn sie sie bei ihren Besuchen nicht zu Hause trafen, und daß die Besuchskarte damals in Italien bereits allgemein im Gebrauch war. Zum Beweise hierfür beruft er sich auf zahlreiche gestochene Karten mit Figuren - Hellebardieren und Kaufleuten - oder Ornamenten, die sich im Museo Civico in Venedig befänden, bildet auch als weiteres Beispiel eine angebliche italienische Besuchskarte des 16. Jahrhunderts ab, die in einer ornamentalen Umrahmung die Aufschrift "Sto Domingo Soriano" aufweist.

Ich habe einmal vor Jahren der kurzen Erwähnung dieser Behauptung Grand-Carterets in der Zeitschrift des Deutschen Vereins für Exlibriskunst und Gebrauchsgraphik (Jahrgang 1908, S. 93) die Bemerkung hinzugefügt, daß man hinter die Nachricht ein beträchtliches Fragezeichen setzen müßte. Hierbei bestimmte mich auch der Umstand, daß das von ihm wiedergegebene Blatt ohne allen Zweifel nicht aus dem 16., sondern aus dem 18. Jahrhundert stammt und keine Besuchskarte, sondern eine Wallfahrtserinnerung ist, wie sie auch in Deutschland damals in ganz ähnlicher Form vorkamen. Wie recht ich mit meinen Bedenken hatte, haben inzwischen Bertarelli und Prior in ihrem großen Werke "Il biglietto di visita italiano" (Bergamo 1911) überzeugend dargetan. Sie haben festgestellt, daß die Quelle der von Grand-Carteret übernommenen Nachricht Urbani de Gheltofs ein Brief Giacomo Contarinis ist, in dem er erzählt, daß ein deutscher Student in Padua, der ihn bei seinem Abschiedsbesuche nicht zu Hause getroffen hätte, ihm seine Karte mit seinem Wappen und Namen zurückgelassen habe (una sua cartolina con la sua arma et il proprio norne).

Derartige Blätter sind uns gerade in Deutschland zahlreich erhalten; über dem gemalten Wappen steht meist ein Wahlspruch, darunter der Name und manchmal auch eine Widmung. Besonders dem Exlibrissammler sind sie wohl bekannt, da sie vielfach als angebliche Bucheignerzeichen angeboten werden. Sie sind aber weder dies noch Besuchskarten, sondern Erinnerungszeichen, Gaben der Freundschaft, wie sie in jener Zeit, als das Wappen noch Symbol, geradezu Vertreter seines Besitzers war vielfach verschenkt wurden, etwa in der gleichen Weise wie heute Photographien. Auch mit den angeblichen Besuchskarten des Museo Civico mit Hellebardieren und Kaufleuten verhält es sich ebenso, wie die von Bertarelli-Prior gegebenen Abbildungen dieser Blätter zeigen. Es sind Vordrucke für Geschenk- oder Stammbuchblätter ; Wappen und Widmung wurden an hierfür freigelassenen Stellen eingezeichnet. Eins der Stücke des Museo Civico ist hier nach dem Abdruck aus meiner Sammlung abgebildet (Abb.216).

Es rührt ebenso wie die übrigen von Theodor deBry her ,man findet es in den als >Stamm- und Wappenbüchleich< bezeichneten "Emblemata nobilitas" (Franfurt a. M. 1593). Also mit den angeblichen Beweisen für die allgemeine Verwendung von Besuchskarten in dem Italien des 16. Jahrhunderts ist es nichts. Und trotzdem: wenn auch von einem gesellschaftlichen Brauche in jener Zeit zweifellos nicht die Rede sein kann, wäre es doch verwunderlich, wenn nicht wenigstens einzelne Personen, zumal Würdenträger, die vielfach reisten oder in amtlicher Eigenschaft zahlreiche Besuche abzustatten hatten, auf den, wie schon bemerkt, sehr nahe liegenden Gedanken gekommen sein sollten, sich so etwas wie eine Besuchskarte anzuschaffen. Aus dieser Erwägung heraus bilde ich hier ein einseitig bedrucktes Blatt meiner Sammlung ab, das lediglich Namen und Titel eines hohen Beamten Kaiser Karls V. und König Philipps II. von Spanien, des >Paulus Pfintzing von Henffenfelt, Römischer Kaiserlicher Majestät unnd Königlicher Würden zu Hispanien unnd Engellandt Rath und Sekretari< enthält (Beilage zwischen S. 184/185). Der Text ist in kräftigen, ausdrucksvollen Buchstaben in zwei Schriftblocks angeordnet, zuerst lateinisch, dann deutsch. Ich kann natürlich nicht bestimmt behaupten, daß es sich um eine Art Besuchskarte handelt, denn einen Beweis hierfür vermag ich nicht zu erbringen. War das Blatt aber keine solche, so bleibt mir seine Bestimmung ein Rätsel, für dessen Auflösung durch einen kundigen Leser ich aufrichtig dankbar wäre.

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Abb. 217 Besuchskarte de Bianco, Kupferstich (Vergl. Abb. 219) (Sammlung von Zur Westen) Besuchskarte des Kammerherrn Grafen Kinsky, gestochen von Nieper nach einer Zeichnung von Darling Besuchskarte des Bankiers de Loewenich, Kupferstich