Urkunde

Urkunde

Die vornehmste unserer Akzidenzdrucksachen ist die Urkunde. Es ist diejenige Arbeit, die zu den monumentalen Werken der Setzerei zählt. Ihre Behandlung als Gestaltungsaufgabe ist denn auch eine besondere. Urkunden sind in gewissem Sinne Dokumente, die auf lange Zeit Geltung haben sollen, oft auch eingerahmt werden, auf jeden Fall also allen Ansprüchen an Würde, Ästhetik und Stilreinheit genügen müssen. Diese Erkenntnis schaltet alles Modische aus, um Klassischem, Bleibendem Platz zu machen. Wenn man zwar auch einwenden kann: "keine Regel ohne Ausnahme", so ist doch im wesentlichen auf die angedeuteten Grundbedingungen zu achten. Bei der Wahl des Papiers ist vor allem auf Echtheit des Materials Wert zu legen. Nur holzfreies Papier, keine Imitationen, keine Vortäuschungen, sondern nur echter Werkstoff können den Wert der Urkunde unterstreichen. Alles Unechte aber läuft dem eigentlichen Sinn der Urkunde zuwider. Im allgemeinen wird symmetrisches Gestalten die passendere Art sein als asymmetrisches - die Urkunde ist damit zeitloser. Die Symmetrie oder Mittelachsengruppierung wird sich für die Typographie der Dokumentation also besser eignen, denn sie drückt die Art der Beständigkeit, der Ruhe und Bewährung stärker aus, als dies die dynamische und wandelbare der Asymmetrie könnte. Immerhin würde zum Beispiel eine Urkunde für typographische Leistungen sich des neuzeitlichen Ausdruckes der dynamischen Formung wohl bedienen können, um die zeitgebundene Strömung im Stilempfinden prägnant zum Ausdruck zu bringen. Der Gestalter muss mit Feingefühl entscheiden, welche Gestaltungsweise für die Urkunde passt.

Die Urkunde bildet die höchste Stufe der Dokumentierung. Das heisst: "für alle Zeiten kundtun". Es ist also eine außergewöhnliche Aufgabe für den Gestalter zu bewältigen. Alles, was bei der Glückwunschadresse angedeutet wurde, gilt auch bei der Urkundengestaltung, jedoch in gesteigertem Ausmaß. Kein billiger Effekt darf spürbar werden, sondern die Urkunde muss der Ausdruck letzter Reife sein. Die Aufgabe der Urkunde ist es, im Gegensatz zur Glückwunschadresse, den Empfänger von der Verleihung beruflicher, staatsbürgerlicher oder akademischer Würden in feierlicher Weise in Kenntnis zu setzen.

Der Aufmachung der Urkunde sind, je nach dem Wert, den man ihr geben will, kaum Einschränkungen auferlegt. Sie kann als Einzelblatt oder gefaltzt zweiseitig entweder in einer Mappe oder in einer Rolle überreicht werden. Für die einseitige Ausführung spricht, dass man sie so einrahmen kann. Urkunden erhalten oftmals ein amtliches oder berufliches Siegel oder eine Siegeloblate, welche der Urkunde die richtige Bedeutung und mehr "Gewicht" geben. Es werden auch etwa Wappen angewendet, wobei man allerdings darauf achten muss, dass die heraldischen Bedingungen, die sich auf die Wappenform und die Farbgebung beziehen, eingehalten werden. Bei der Wiedergabe (Reproduktion) der Wappen muss man sich genau an die Originalformen halten. Jede Abweichung wäre eine Verfälschung, welche den künsterischen Wer der betreffenden Arbeit vermindern würde. So darf keinesfalls aus "künstlerischen" Gründen bei den Stadtwappen mit Mauerkronen die Anzahl der Zinnen (oder Türmchen) verändert werden. Bei Mauerkronen einfacher Städte sind stets nur drei Zinnen, bei den Hauptstädten sind Mauerkronen mit fünf Zinnen zu beobachten. Die Wappen sind stets farbig. Bei einfarbiger Wiedergabe werden die Farben oftmals durch sogenannte Schraffuren angedeutet. Die Schraffuren sind schon seit 1639 in Gebrauch.

Beim Zeichnen von Wappenformen darf man also nicht irgendwelche Phantasieformen anwenden, sondern man sollte sich an die genauen Unterlagen aus den Wappenbüchern halten. Außer den bereits angeführten Mauerkronen gibt es auch noch andere heraldische Kronen.

Die wichtigsten sind: Die Grafikkrone mit 9 Zacken, die Freiherrenkrone mit 7 Zacken, die Adelskrone mit 5 Zacken. Mit gleicher Zackenzahl kennen wir noch die Blätterkrone, die man auch die heraldische Krone nennt. Alle Formungen, die aus Unkenntnis der heraldischen Grundgesetze trotz guten Willens und trotz Begabung zum Zeichnen entstehen, sind falsch, wenn sie nicht der Heraldik entsprechen. Bei Form- oder Farbbestimmungen sind die offiziellen Wappenbücher unbedingt zu Rate zu ziehen. Es genügt oft nicht einmal, sich an irgendein gemaltes Familienwappen zu halten, denn auch dort ist mancher Irrtum hineingereicht worden, den man nicht nachmachen sollte.