Schriftmischungen

Schriftmischungen

Das Mischen der Schriften muss, so wirkungsvoll dies bei geschickter Verarbeitung und bei sinnvollem Einfühlen in das Wesen der Druckarbeit gelingen mag, als eine dekadente Erscheinung der Typographie angesehen werden. Dieses Urteil soll nicht etwas als eine Ablehnung angesehen werden, sondern es soll eine Mahnung zu Beschränkung sein.

Das Mischen geschieht meist, um durch das Gegenspiel der Formen Spannung und Reiz in die sonst zu wenig "spritzige" Arbeit zu bringen. Man benutzt sozusagen die Mischung als Würze, und man kann in der Tat oftmals die schönsten Erfolge erzielen, nämlich dann, wenn ein Sinn darin liegt und wenn es mit Feingefühl für die Formen und in richtiger Abwägung geschehen ist.

Beim Mischen geht es weniger darum, einen Schriftcharakter gegen den anderen auszuspielen, sondern darum, durch Hinzunehmen einer dominierenden Schriftzeile oder Schriftgruppe der ganzen Druckarbeit eine bestimmte Note zu geben. Dies im Sinne wie es die Beispiele in em Abschnitt "Wort" andeuten.

Beinahe nirgends sonst wird leider soviel Unschönes geleistet wie im Schriftmischen. Vor allem sollten alle Anführgespanne die Lehrlinge rechtzeitig davon abhalten, willkürlich, ohne die nötigen Stilkenntnisse das Durcheinanderverwenden von Schriften vorzunehmen. Gefährlich ist das Schriftmischen, wenn die nötige Zurückhaltung fehlt und die Meinung auftaucht, mit dem Schriftwechsel sei die Mischung gemacht. Es mögen folgende Anweisungen beachtet werden:

  • Das Schriftmischen ist eine "geschmacklich" gelenkte Operation, welche zudem bestimmte Schönheitsgesetze untersteht und der schriftgeschichtlichen Kenntnisse nicht ermangeln darf.
  • Alle Durcharbeiten, die auf lange Zeit Bestand haben sollen, nämlich vor allem Bücher, sollen möglichst ohne Schriftmischungen hergestellt werden - denn Mischungen sind Zeiterscheinungen und der Mode unterworfen.
  • Am ehesten können Schriftmischungen angewendet werden bei Arbeiten, die eine kurzfristige Lebensdauer haben, wie Prospekte und sonstige Werbung. Übrigens haben die Werbedrucksachen in neuerer Zeit hauptsächlich die Schriftmischerei in Schwung gebracht, weil eine bestimmte Eigenart der Werbung in der Überraschung, in der "Originellität" liegt. Auch hat die Werbedrucksache noch mancherlei Ansprüche zu genügen, die mit der Verwendung besonderer Schriftzeilen verbunden sein kann, um außergewöhnliche, der Werbeabsicht zuträgliche Stimmungen beim Empfänger auszulösen.
  • Es gibt kein absolut geltendes "Rezept" für das Schriftmischen, sondern nur Anleitungen, die sich auf die Stilkunde, das Stilempfinden und auf die ästhetisch gelenkte originelle Idee stützen.
  • Nicht alle einmal gelungenen Mischungen eignen sich gleich gut in anderen Fällen der Anwendung, denn die Möglichkeit der Mischung wird nicht nur von optischen, sondern meist auch noch von logischen Absichten unterstützt.

Gott segne Kupfer, Druck und jedes andere vervielfältigende Mittel, so dass das Gute, was einmal da war, nicht wieder zugrunde gehen kann.
Johann Wolfgang von Goethe

Und nun sollten einige praktische Erwägungen folgen mit Schriftmischungen. Die Mediäval passt nicht zur Antiqua, weil ihre Schraffenrichtung eine vollkommen andere ist und auch die Schriftlagen dieser beiden Schriften vollkommen abweichen. Die Antiqua erscheint konstruiert, während die Mediäval mit der Breitfeder nachgeschrieben werden könnte. Die Antiqua ist fein ausgerichtet auf waagerechte Haarstriche und kräftige Senkrechten, während bei der Mediäval die Ansätze und die Druckstellen schräg liegen.

Die Gotisch könnte als übergeordnete Hauptzeile noch gut zur Mediävalgrundschrift verwendet werden, weil hier ein übereinklingendes, verbindliches Zusammengehen der eigentlich grundverschiedenen Formen zu beobachten ist. Die Mediäval wurde gleich wie die Gotisch aus geschriebenen Schriften zu Druckschriften entwickelt. Beider Schriften haben Schrägansätze.

Die Egyptienne eignet sich noch am ehesten als kräftige Auszeichnungsschrift zu einer Antiqua, denn sie stellt eigentlich mit ihren rechtwinkligen Schraffen ein Fortissimo zur Antiqua dar. Auch ist die Schriftlage absolut waagerecht wie bei der Antiqua. In gleicher Größe als Hauptzeile nebeneinandergestellt, sollte auch diese Mischung möglichst unterbleiben, da ein gewisser Zweispalt in der optischen Höhenlage der Schriftlinie eintritt. Es sollte nicht zu einem Gegeneinanderausspielen kommen.

Englische Schreibschrift

Die englische Schreibschrift passt zur charakterlich gleichgestimmtes Antiqua, weil auch hier die Staben in den waagerechten und senkrechten Linien im Wechsel von fein und kräftig übereinklingen. Die Schreibschriftzeile wirkt als Auszeichnungsschrift zur Antiqua belebend. Die englische Schreibschrift ist eine typische lateinische Schriftform, gleich wie die Antiqua.

Die englische Schreibschrift passt stilistisch nicht zur Grotesk, und trotzdem kann sie verhältnismäßig gut aussehen, solange die Grotesk in einem mageren Schnitt und in einem kleineren Grade zurückgehalten wird, damit die Schreibschriftzeile voll dominieren kann. In größerem Grade jedoch neben die englische Schreibschrift gestellt, wirkt die Mischung unerträglich. Das Wesen der Grotesk mit dem gleich starken Schnurzug der Buchstaben steht im Gegensatz zu den lebensvollen, weich und kräftig betonten Schriftzügen der Schreibschrift. Die englische Schreibschrift verträgt auch keine kräftige Grotesk neben sich, solange diese nicht etwas durch die Anwendung einer absolut zurücktretenden Farbe auf das notwendige Maß zurückgehalten wird. Stilistisch wäre eine solche Mischung stumpf und unerfreulich.

Praktisch würde sie trotzdem angewendet, wenn durch die Farbanwendung eine gewisse Isolation der Stilgegensätze erfolgte. Das ist die Praxis, die sich über mahnende Stilempfinden oft hinwegsetzt mit dem Gegenmittel geschickten Manövrierens durch raffinierten Farbausgleich oder extravagante Stellungen in der Fläche oder durch vollständige Isolation mit viel Papierraum. Fraktur, Gotisch und Schwabacher sollen nie gegeneinander gemischt werden, während die Schwabacher, gleich wie auch die Gotisch, sich als Auszeichnung für Überschriften zur Mediäval eignet. Bedingung bleibt aber stets, dass die Mischungen mit Feinempfinden vorgenommen werden.

So hat auch die Grotesk neben der Antiqua als Mischungstype eigentlich keine Berechtigung, und doch wird dies in der französischen Typographie zwanglos angewendet. Aber auch im deutschsprachigen Gebiet werden zum Beispiel zur Antiqua-Grundschrift die Überschriften in einer schmalen fetten Steinschrift in Versalien aus kleinem Schriftgrad gesetzt, so zueinander in feinen Gegensatz gebracht. Die Wirkung ist verblüffend gut, dies trotz der stilistisch zu verneinenden Mischung. Das Mischen setzt ein formales Feinempfinden voraus. Der harmonische Wohlklang wird von stilistischen und ästhetischen Bedingungen bestimmt.