Das Wort

Das Wort

Jedes Wort setzt sich zusammen aus einzelnen Buchstaben. Im ausgesprochenen Mengensatz wie in Werken geht das einzelne Wort unter in der Gesamteinwirkung der Menge. In der Akzidenz jedoch kann sogar der einzelne Buchstabe im Wort durchaus zur Geltung kommen, nämlich dann, wenn es sich um Werbeworte oder überhaupt um Wörter handet, die von viel Papierraum umgeben und welche aus einem größeren Schriftgrade gesetzt sind. Jeder Buchstabe ist eine für sich vollkommen selbständig durchgebildete Kunstform, die, jede für sich allein angewendet, wie ein abstraktes, geometrisch gehaltenes Bild wirkt. Betrachten wir die einzelnen Buchstaben eines Wortes einzeln, so erweckt jede der Formen schon bestimmte Empfindungen. Beim Betrachten des nachfolgenden kurzen Wortes wird dies schon klar: Die drei Buchstaben unter sich sind formal ganz verschieden:

ORA

JDie Rundform des "O" ist beschwingt, wird wohlemfunden und verkörpert in ihrem Kreislauf die Unendlichkeit. Das "R" dagegen hat eine Senkrechte, einen Halbkreis und eine Schräge und stellt ein unruhiges, problemgefülltes Gebilde dar. Das "A" ist ein wohlfundierter, konstruktiver Buchstabe, der das Dreieck zum Symbol hat, also drückt sich auch in ihm der Dreiklang aus. So könnte man jeden einzelnen Buchstaben des Alphabets analysieren, und man wird danach die Schrift mit ganz anderen Augen ansehen. Das Erkennen der Schönheiten, die in den Letterformen enthalten sind, wird dem Akzidenzsetzer eine Welt erschließen, die ihm bisher verborgen war. Wenn man nun einige Buchstaben zu einem Wort zusammensetzt, so entsteht ein kombiniertes abstraktes Bild, welches unausgeglichen keine Einheit bildet, sondern infolge seiner verschieden zusammengelangenden Einzelformen viel eher auseinanderstrebt.

Diesen Zustand kann der Setzer aber abhelfen durch das Ausgleichen. Es ensteht dann ein Wortgebilde, das Ausrichtung zeigt. Es wird zum Begriff der Ordnung.

LABORA

Tatsächlich kann ausnahmsweise einmal der Fall eintreten, dass die Unausgeglichenheit des Wortbildes originell "abstrakt" wirkt und vom künstlerischen Standpunkte aus berechtigt ist.

JNicht erlaubt aber ist das Unterlassen des Ausgleichens von Versalzeilen mit der Begründung, "es kommt nicht darauf an" oder "die Zeit reicht nicht aus". Jeder Kenner des typographischen Gestaltens weiß um die Sorgfalt, mit welcher Versalien auszugleichen sind. Man muss dabei ein gutes Gefühl walten lassen, damit man gut - nicht zu schwach und nicht zu weit - ausgleicht. Sogar Groß- und Kleinbuchstaben müssen hie und da einen Ausgleich unterzogen werden, besonders dann, wenn sie eine Hauptzeile einer schönen Akzidenz bilden. Diese Notwendigkeit ist nicht überall bekannt. Man beachtet den Unterschied in den beiden folgenden Wörtern.

JDie Sauberkeit in der Durcharbeit dieser Feinheiten ist ein wesentlicher Bestandteil guter fachlicher Grundlagen und bildet den Maßstab beruflicher Qualifikation. Dass ferner jedes Wort in seiner Wirkung, sobald es als Einzelbegriff eine besondere Bedeutung erhalten soll, individuell durch geeignete Schriftwahl wirken kann, muss jeder Setzer wissen, um sich dessen zu erinnern.

JWir lassen einige willkürlich gewählten Begriffswörter folgen und verwenden zu diesen diejenigen Schriftformen, die dem Inhalt des betreffenden Wortes formal etwas entsprechen. Schon der Anfänger wird überrascht sein, wie zutreffend die Begriffe auf die gewählte Schriftart passen. Es ist damit eine wichtige Erkenntnis gewonnen für das Arbeiten in der Akzidenz. Wir lassen nun die Schriften in diesem Sinne in einer Anzahl verschiedener Charaktere erscheinen unter dem nachfolgenden Zwischentitel:

JDie Kunst des gestaltenden Setzers besteht vor allem darin, jeder Drucksache ihr besonderes Gepräge zu verleihen. Er wird zu diesem Zwecke sich im klaren sein müssen, welcher Schriftausdruck diesen Anfertigungen genügen kann. Sind diese Satzelemente bestimmt gilt es, damit den Textinhalt jede Form zu geben, die seinem Charakter entspricht.